Schuldlos glücklich

Ein Leben als Nonne

Von Susanne Faschingbauer

Copyright: Antonia Zennaro
Die Nonnen in der Klosterkirche: Rebecca, in schwarz, ist eine neue Kandidatin, 25 Jahre alt (Foto: Antonia Zennaro)

Sie verschweigt ihren weltlichen Namen. Sie verwehrt sich persönlichen Fragen. Sie lässt sich nicht fotografieren. Schwester Anna lebt hinter Mauern, arm, keusch und gehorsam. Ihre Antwort auf alles heißt: Jesus. „Ich bin wahnsinnig verknallt in ihn!“

 

Am achten Tag schuf Gott die Klostermauern. Und er sah an, was er gemacht hatte: Es war gut. Niemand sollte das Geheimnis des Ordenlebens jemals lüften.

Es ist morgens, 4.15 Uhr. Die schwere Eichentür ins Kloster St. Marienthal öffnet sich. Schwester Anna tritt heraus, sie bittet mich hinein. Wir sind zum Morgengebet verabredet.

Neun Nonnen der Zisterzienserinnenabtei sitzen versammelt im Chor. Es ist der heiligste Ort des Klosters. Eine bemalte Holzstatue thront am linken Seitenflügel, ein Bildnis der Jungfrau Maria. Vor ihr, auf dem Holzboden, flackert eine Kerze. Im dunklen Chorraum schweben die Gesichter, nur vom weißen Stoff der Tracht umrahmt. Es ist das „Laudes“, das Frühgebet kurz vor Sonnenaufgang.

Äbtissin Regina Wollmann nimmt Blickkontakt mit der Mutter Gottes auf. Dann verbeugen sich die Schwestern, als könnten sie ihre Ehrfurcht vor Gott nur so tragen. Zittrige Kopfstimmen durchbrechen die Stille.

„Niemand kommt hinter das Geheimnis des Klosters“

Es war tags zuvor, als mich Äbtissin Wollmann zum Gespräch bat. „Niemand kommt hinter das Geheimnis dieses Klosters.“ Die Strenge in ihrem Gesicht weicht einem verschmitzten Lächeln. Sie gestattet den Eintritt für einen Tag. Schwester Anna, 30, wird mich begleiten. „Ich erzähle nichts Persönliches. Fotografieren ist auch verboten“, sagt sie, knapp und bestimmt.

Zum Jubiläumsfest von St. Marienthal im vergangenen Jahr waren Reporter, Fotografen und Kamerateams aus ganz Deutschland angereist. Diesen Medienschock haben die weltabgewandten Nonnen bis heute nur schwer verkraftet.



„15° Ost“: Der offizielle Trailer (Video: Anna Hunger; Musik: „le Hawaii intérieur“ von Fouxi)

Die Luft im Kreuzgang des Klosters ist feucht und kalt, so als bliese sie aus einem alten Kellergewölbe durch die Fenster herein. Nasse Flecken färben die Wände stellenweise blaugrau. Schwester Anna schimpft beim Vorübergehen. „Die müssten längst trockengelegt werden. Aber das Amt lässt uns nicht.“ Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Schnellen Schrittes, in schwarzen Teva-Sandalen, streift die Nonne durch den breiten Flur. Das Schlappen auf dem Steinboden hallt entlang der Gemäuer. Nur das schwere Holz der Zimmertüren dämpft den Schall.

Hinter einer der Türen liegt Schwester Annas Zimmer. „Es sind vierundzwanzigkommafünf Quadratmeter“, sagt sie, die früher einmal als Verwaltungsfachfrau arbeitete. Einen Blick ins Zimmer lässt die Nonne nicht zu. Es sei leer, bis auf ein paar Lieblingsbücher, Otfried Preußlers Krabat darunter, Kleidung, einen MP3-Player, mit Musik von Klassik bis Metal. Schwester Anna lebt arm, so wie es die Regel des Heiligen Benedikt für Ordensleute vorschreibt.

In der Klosterhierarchie steht sie noch weit unten. Nur Schwester Juliana kam später ins Kloster als sie. Zu den 14 Nonnen stieß kürzlich eine junge Kandidatin, Rebecca, 25.

Ihr früheres Leben hat Schwester Anna ausradiert

Schwester Anna war ein Jahr jünger, 24, als sie ihrem „Ruf“ folgte. Sie schweigt darüber, als könnten Worte das Geheimnis zwischen ihr und Gott zerstören. „Für mich gibt es keine Vergangenheit.“ Jesus fordere sie auf, im Hier und Jetzt zu leben. Das Leben draußen hat sie ausradiert. Selbst ihren weltlichen Namen verrät sie nicht.

Manchmal wollen Nonnen zurück. Die Ex-Nonne Veronika Peters hat nach ihrem Austritt ein Buch geschrieben, unter dem Titel „Was in zwei Koffer passt“. Auch Schwester Anna blätterte sich durch die Geschichte. Mit dem Zuschlagen des Romans beendete sie dieses Kapitel. „Die Frau hätte man gar nicht erst einkleiden dürfen.“ Beim Einkleiden legen die Nonnen das Gelübde ab – lebenslang. Veronika Peters verließ das Kloster, weil sie sich verliebte. „Wenn meine Berufung wankt, weil ein Mann daher kommt, war die Berufung nicht mehr als ein Strohfeuer.“

 


Die Reportage "Schuldlos glücklich" haben wir dem Onlinemagazin "15 Grad Ost" entnommen, einem Projekt der Zeitenspiegel-Reportageschule Günter Dahl. Zwölf junge Reporter haben eine Woche lang im Dreiländereck um Görlitz Stellung bezogen. Sie schliefen auf Bäumen, suchten nach Wölfen und jagten ein Phantom. Alle Geschichten finden Sie auf www.reporterreisen.com.


Keusch zu leben bedeutet für Schwester Anna völlige Hingabe. Sie taucht in den Geist Gottes ein. Sie hält die sexuelle Energie für eine Triebfeder des Lebens. Ihre eigene Lust leitet sie in andere Kanäle, malt Bilder, pflückt Blumen und betet, mindestens fünf Mal am Tag.

An manchen Tagen wünscht sie sich ein Kind

Zum Mittagessen und anschließender Bibellektüre zieht sich Schwester Anna wieder zurück. Danach setzen wir uns in den Klostergarten auf eine Holzbank. Sie wirkt irgendwie gelöster. „Einmal im Monat kommt dieser Tag. Dann möchte ich unbedingt ein Kind!“ Männer sind auch unter den Hausgästen. Ab und an ist einer dabei, da denkt Schwester Anna bei sich: „Ach, is’ der niedlich.“ Die Stimme hebt sich, eine Hand schnellt nach oben, als wolle sie ihre Bemerkung wegwischen. „Das ist rein biologisch, das geht vorbei.“ In ihrem Herzen sei nur Platz für einen Mann, nämlich Jesus. „Manchmal sitze ich vor dem Tabernakel und es überkommt mich. Ich bin wahnsinnig verknallt in Jesus.“

St. Marienthal ist ein kontemplativer Orden. Die Nonnen gehen nicht raus in die Welt. Sie haben keinen karitativen Auftrag, wie beispielsweise die Franziskaner. Die Abtei der Zisterzienserinnen geht zurück auf die Regeln des Heiligen Benedikt, entstanden im sechsten Jahrhundert. Ora et labora, bete und arbeite, lautet das Credo. Die Nonnen arbeiten in der Näherei, in der Bäckerei, im Büro oder im Garten. Die Gebetszeiten unterbrechen die Arbeit wie ein Maschinenstopp die Produktion in einer Fabrikhalle. „Für das Gebet lasse ich alles liegen und stehen. Das ist mir scheißegal“, sagt Schwester Anna.

Es ist 19 Uhr. Das letzte Mal an diesem Tag sitzen die Zisterzienserinnen versammelt im Chor. Die Augen geschlossen, leichtes Lächeln, Schwester Anna wirkt schuldlos glücklich.

Der strukturierte Tagesablauf im Kloster geben der Nonne Halt. „Das Schlimmste für mich ist, wenn die Ordnung gestört wird.“ Das passiert durch ein Konzert in der Kirche, oder wenn ein Gastreferent spricht; oder aber eine Journalistin zu Besuch kommt. Heute Abend werde sie mehr ruhen müssen als üblich.

Copyright: Bernhard Riedmann
Scheu kehrt eine Schwester dem Fotografen den Rücken zu (Foto: Bernhard Riedmann)

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