So wahr mir Google helfe

Zur Erlangung des Doktorgrades in Bayern

Von Stefan Schomann

©  Max Milan Marsalek
Lichtgestalt in Auflösung.
Für MAGDA gezeichnet von Max Milan Marsalek (www.maxm.de)

Hohe Herren von der Akademie! Über Jahrzehnte hinweg galt ein bayrisches Abitur mehr als ein Bremer Diplom – zumindest in Bayern. Nun hat ausgerechnet ein Bremer Professor gezeigt, daß es sich inzwischen umgekehrt verhält: Andreas Fischer-Lescano stieß beim Schreiben einer Rezension auf gewisse, nun ja, Unsauberkeiten in der Promotion des Freiherrn zu Guttenberg.

Der Hehler ist so schlimm wie der Stehler

Während der Prüfling nun mit Schimpf und Schande leben muss, bleibt der Prüfer, der Staatsrechtler Peter Häberle, langjähriges und seinerseits hochgeehrtes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, seltsamerweise ungeschoren. Nicht nur, daß ihm, ebenso wie dem Zweitgutachter, an Guttenbergs Doktorarbeit nichts weiter auffiel – beide haben sie im Gegenteil mit dem höchsten akademischen Prädikat summa cum laude ausgezeichnet. Da schreibt einer aus der Fischer Länderkunde ab wie ein Zwölftklässler fürs Referat – und erringt so die höchsten wissenschaftlichen Weihen? Da kupfert einer die Einleitung seiner Dissertation kurzerhand aus der Zeitung ab – und wird vom Professor als „einer meiner besten Doktoranden“ über den grünen Klee gelobt? Wes Geistes Kind muß jemand sein, um ein wissenschaftliches Machwerk, das nicht von einem, sondern von hundert Autoren verfaßt wurde, derart in den Himmel zu heben? Wie unbedarft in allen stilistischen Belangen, wie völlig frei von jedem Gefühl für sprachliche Eigenart? Juristisch erfüllt das den Tatbestand der Komplizenschaft: Der Hehler ist so schlimm wie der Stehler.

Guttenbergs Arbeit ist kalt, glanzlos und ohne einen Funken Phantasie geschrieben. Sie verdient keine Eins mit Stern, sondern bestenfalls eine glatte Drei – Mittelmaß. Herausragende Qualitäten sind ebensowenig ersichtlich wie eine eigenständige intellektuelle Leistung, von der bemerkenswerten Fingerfertigkeit beim geistigen Taschendiebstahl einmal abgesehen. Doch auch das gehört zum sogenannten Mainstream, ist selbst untrügliches Indiz fürs Mittelmaß. War Abschreiben im Mittelalter noch „mühselige Kleinarbeit“, so hat die Praxis des unqualifizierten Zitierens im Zeitalter von Copy & Paste längst überhandgenommen. Freilich ist es auch viel leichter geworden, ihr auf die Schliche zu kommen – Fischer-Lescano hat innerhalb einer Stunde achtmal ins Schwarze getroffen. Während Häberle, der die Dissertation angeblich über Monate hinweg prüfte, die Vorwürfe als „absurd“ abtat.

Ein Fall für den Schreibberater

Die Grundlagen wissenschaftlichen Schreibens werden den Studierenden in aller Regel während der ersten Semester vermittelt. So auch an der Universität Bayreuth, wo dafür sogar ein eigener Hilfsdienst zur Verfügung steht: schreibberatung(at)uni-bayreuth.de. Diese Grundlagen sind international einheitlich und verbindlich, und sie werden von Oxford bis Ouagadougou mehr oder weniger akribisch befolgt. Nur in einer Weltgegend dünkt man sich über solch kleinlichen Umgang mit geistigem Eigentum erhaben - in einer Bananenrepublik mit Namen Bayern.

Hat es übrigens jemand bemerkt? Von wem stammt der erste Satz dieser Betrachtung? Für die richtige Antwort verleihen wir den Ehrentitel MAGDA cum laude.

 

* * *

 

Lesen Sie weitere Analysen dieser Affäre in Wolfgang Michals Beitrag „Guttenberg soll bleiben!“, in Weltiswortwechsel „Heute: Abschreiben“, in Martin Raspers Interview mit Rido Busse („Der Schüler ehrt den Meister“) und in unserer Rubrik MAGDA cum laude, respektive fraude.

 

 


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