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"Ich habe Tränen gelacht"

Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller über seinen Film "Sommer in Orange" und das Leben in einer bayerischen Sannyasin-Kommune

Von Margarete Moulin

Copyright: Majestic Filmverleih
Die Berliner Sannyasin-WG ist in Talbichl gelandet – ein oranger Fleck im schwarzen Bayern (Foto: Majestic Filmverleih)

MAGDA: Der indische Guru Bhagwan ist bis heute extrem umstritten. Für die einen war er erleuchtet, für die anderen ein gerissener Menschenfänger. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Rosenmüller: Zum einen diese ewige Sehnsucht, den richtigen Weg im Leben zu finden. Danach suchen wir doch im Grunde alle, egal ob wir wild und ausgeflippt sind oder konservativ. Es geht um dieses Gefühl der Zerrissenheit. Um die Frage, wo gehöre ich hin, was brauche ich an Traditionen, und wann behindern sie mich? Das alles ist auch mein Thema. Außerdem bin ich selbst einmal für meinen Abschlussfilm an der Filmhochschule nach Indien gereist und habe mir den Ashram in Poona angeschaut, aber damals keine Geschichte für mich gefunden. Und dann bekomme ich acht Jahre später dieses Drehbuch in die Hände!

 

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Die Dorfgemeinschaft ist skeptisch: allen voran Heinz-Josef Braun als Bürgermeister von Talbichl (Foto: Majestic Filmverleih)

 

MAGDA: Was hat Ihnen gerade an dieser Geschichte gefallen?

Rosenmüller: Obwohl es sich hier zum Teil um wahre Kindheitserlebnisse der Drehbuchautorin handelt, geht es nicht um Abrechnung. Das ist kein Lamento über das eigene Schicksal. Die Autorin, Ursula Gruber, blickt versöhnlich und bisweilen mit Heiterkeit auf ihre Vergangenheit zurück, auch wenn diese für sie als Kind nicht immer gerade leicht war. Das hat mich angesprochen.

MAGDA: Die Lebenswelt der Sannyasin war ja sehr eigen. Wie hast du ein Gefühl dafür entwickelt, wie Therapiesitzungen, Konflikte oder einfach auch nur ein Abendessen in so einer Kommune abliefen?

 


Rosenmüller: Zum einen natürlich über Ursula Gruber. Obendrein kam uns der Zufall zuhilfe, und zwar in Form von Joo, einem Geräuschemacher für Film und Fernsehen. Er war jahrelang selbst Sannyasin, hatte von dem Filmprojekt gehört und bot seine Mitarbeit an. Er hat nicht nur die Geräusche für den Film gemacht, also beispielsweise ein Türknarren oder die Schläge bei der Rauferei, sondern uns aus seiner Zeit in Poona und Oregon erzählt. Damit half er den Schauspielern, die Stimmung authentisch rüberzubringen. Das hat mir Sicherheit gegeben.
 

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Der Bürgermeister von Talbichl will den Bau eines Therapiezentrums verhindern, doch mit den Bhagwan-Jüngern erlebt er ein blaues Wunder (Foto: Majestic Filmverleih)

 

MAGDA: Wieweit muss man sich von der Realität entfernen, um eine Geschichte filmisch interessant zu machen?

Rosenmüller: Muss man gar nicht, aber man kann! Ich erkläre manchmal Dinge gern mit dem Bauch, mit Hilfe von Metaphern. Da gibt es zum Beispiel diese Szene, die aus einem Märchenbuch stammen könnte. Lily irrt durch den Wald, hat nur noch ihr weißes Unterkleid an. Sie trägt weder ihre orangefarbene Pluderhose, noch ihr Dirndl. Sie hat alle Kleider fallen lassen, die im Grunde Maskerade sind, mit deren Hilfe sie sich mal dieser, mal jener Welt anpasst. Sie ist nur noch ein unschuldiges Kind. Da erscheint ihr plötzlich in der Luft schwebend Bhagwan. Sie fragt ihn nach dem Weg nach Hause, aber er, der Guru, weiß ihn nicht! In diesem Moment wird er von seinem Sockel gestoßen.


MAGDA: Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Komödie und Klamauk?

Rosenmüller: Ach, ich breche zwischenzeitlich ganz gerne aus Richtung Klamauk. Gerade weil der platte Witz ja als verboten gilt, habe ich meinen Spaß an ihm. Ich habe Tränen gelacht beim Dreh einer Szene. Da beugt sich eine Alte, die ständig gegen die Kommune hetzt, vor lauter Neugier so über die Balkonbrüstung, dass sie abstürzt. Sie bricht sich den Hals dabei, aber rappelt sich noch einmal hoch, nur um ihre letzte Sorge loszuwerden: „Oh mei, jetzt hob i mi ausgsperrt!“ Hinter dieser slapstickartigen Szene steckt eine tiefe Wahrheit: Es ist die Engherzigkeit, Engstirnigkeit, mit der sich Leute selbst aus dem Leben aussperren.

MAGDA: Und wie sieht es mit der Offenheit bei den Zuschauern aus?

Rosenmüller: Ich habe gemerkt, dass das Thema Bhagwan immer noch ein heißes Eisen ist. Leute aus beiden „Lagern“ fühlten sich angegriffen: sowohl die traditionelle Seite, die sich als konservative Dörfler hingestellt fühlt, als auch die, die sich als spirituelle Spinner präsentiert sehen. Aber so darf man den Film nicht sehen, man muss mit einer Portion Humor ins Kino gehen.

MAGDA: Um was geht es in Ihrem neuesten Projekt?

Rosenmüller: Um eine Heiligsprechung in Bayern.


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