Die Stadt der starken Gefühle

Erkundungen in Trabzon - Teil 1

Von Tom Schimmeck

©  Tom Schimmeck
Schwarzmeerstadt Trabzon - ein Zentrum am Rande Europas
Fotos: Tom Schimmeck

„Trabzon?“ Die Freunde in Istanbul blicken alarmiert, als sie das Reiseziel vernehmen. Runzeln die Stirn. Raten zu äußerster Vorsicht. Die Stadt hat ein Imageproblem. Einen miserablen Ruf. Gerade auch im mondänen Istanbul, geographisch 1000 Kilometer weiter westlich, gefühlt 3000 Kilometer. Trabzons Einwohner gelten als aufbrausend und unberechenbar. Als reaktionär, nationalistisch, fundamentalistisch, fußballfanatisch und potentiell gewalttätig. Als hinterletztes Anatolien. “Hinten weit in der Türkei”, hätte man zu Goethes Zeiten gesagt. Und damit aller Geringschätzung für die Barbaren Ausdruck gegeben.

Man macht sich ein düsteres Bild von dieser Stadt. Und tatsächlich: Sie weinen schon am Flughafen. Kaum schwingt die Terminaltür auf, gleich ist die Luft voll Klagen, Wimmern, Schluchzen. Gut drei Dutzend Menschen drängen am Ausgang, Kinder, Väter, Greisinnen, einander betastend und umarmend. Eine Großfamilie, die sich zu einer Beerdigung versammelt.

Eine Stadt voller Emotion. Der Dialekt ist ratternd aufgeregt. Das Füllsel „da“ schmückt jedes Satzende. Die Musik, rasant und energisch, quält mitunter das ungeübte Ohr: Das Tröten der Kaba Zurna, einer Art Oboe, und das Wummern der Trommeln. Dazu die Kemençe, eine Violine mit drei Saiten, die man schwungvoll säbelnd auf den Knien spielt. Was einen angreifen kann, als würde an einem zentralen Nerv gesägt. Trabzoner gelten als schießwütig. Bei jedem Fußballtriumph perforieren sie den Himmel. “Wir handeln zuerst”, umriss einmal ein örtlicher Psychologe die Mentalität, “dann denken wir nach.”

Gefühl springt einen bald überall an. Gern im Kontrastpaar: Trauer und Freude, Liebe und Hass, Hoch- und Demut. Dazu viel verletzter Stolz. Allmählich, sagt die schöne Sinem Şahin beim Tee, verstünde sie die Trabzoner: „Sie sind launisch wie ihr Schwarzes Meer. Manchmal ganz sanft. Und plötzlich sehr rau.“ Die Schauspielerin stammt aus der Hauptstadt Ankara. Seit drei Jahren siedelt sie hier im fernen Nordosten. „Es ist eine kleine Stadt“, bekundet ihr Kollege Şevki Çepa, auch ein Zugereister: „Die Menschen müssen zäh sein. Sie sind sehr ernsthaft, aber auch hilfsbereit, neugierig und redselig.“

Redselig? Der Schuhputzer auf dem zentralen Platz, der die Welt von unten betrachtet, philosophiert in aller Breite über Äußerlichkeit und Charakter. Auf der ganzen Welt, doziert er, könne man jedem an den Schuhen und der Kleidung ansehen, wie reich er sei. Aber die inneren Werte, die seien doch viel schwerer auszumachen. Er spricht im Rhythmus von Bürste und Lappen.

Tee und Theater

Die Hafenstadt an der türkischen Nordküste, eingezwängt zwischen den fast 4000 Meter hohen Pontischen Alpen und dem 2000 Meter tiefen Schwarzen Meer, ist kein Touristenmagnet, trotz antiker Schönheiten. Es ist eine arbeitende, sich durch die Wirren der Moderne kämpfende Stadt. Der Fremde sticht heraus. Wird mit zuweilen paternalistisch anmutender Fürsorglichkeit beguckt, begrüßt, befragt. Vor dem Rathaus schmettert eine Blaskapelle. Männer in blauer Uniform, mit rotem Schlips und Schirmmütze. Ein Mann in gutem Anzug, im Zentrum des Geschehens, erspäht den Reisenden am Rand, eilt herbei, schüttelt die Rechte. „Hallo, sprechen deutsch? Ich bin Bürgermeister“, sagt er lächelnd. Wie lange man schon am Ort sei, und ob es einem wohl ergehen, will er wissen. „Sehr schön“, sagt der OB, schnell zufrieden, und entschwindet mit einem „Auf Wiedersehen!“

Der klassische Patriarch, bei uns im Zeitalter des lean management wohl ausgestorben, erzeugt dieses Spannungsfeld: Fühlt man sich geborgen – oder eher bevormundet? In Trabzon findet sich solch fürsorgliche Belagerung überall. Widerrede fällt schwer. Mit kräftigen Gesten wird man in Teehäuser hineingewunken, wo Männer mit Spielsteinen klappern. Überhaupt wird man permanent zum Tee eingeladen. Es ist gut gemeint. Im Sammeltaxi gen Osten dreht der Fahrer extra um, als er bemerkt, dass er den letzten Fahrgast nicht genau an der gewünschten Ecke abgesetzt hat. Er stoppt nicht einfach und schickt ihn zurück. Er wendet mühsam seinen sperrigen Dolmuş und deponiert den Reisenden exakt dort, wo der hin wollte.

Sie wohne seit drei Jahren im gleichen Haus, erzählt Sinem Şahin. „Jeden Morgen fragt mich der Hauswart, wohin ich gehe. ‚Ins Theater’, sage ich jedes Mal. Und wenn ich nachts nach Hause komme, begrüßt er mich und sagt: ‚Woher kommst Du?’ ‚Vom Theater’, sage ich. Es ist ein tägliches Spiel. Er weiß, wohin ich gehe, aber er will es trotzdem immer wieder in Erfahrung bringen. Da ist keine böse Absicht dahinter. Er will mich nur beschützen.“

©  Tom Schimmeck
Verwandlung in der Garderobe - vor dem Auftritt im Theater

Am Abend spielen die Schauspieler im Staatstheater Hochzeit oder Trommel. Eine quirlige Komödie mit Tiefgang, ganz traditionell: Alle Darsteller und Musiker bleiben allzeit auf der Bühne. Als würden sie auf dem Dorfplatz spielen. Wer gerade nicht dran ist, hockt am Rand. Die Schauspielerinnen tragen knallbunte Kleider. Das Stück ist eine quirlige Komödie mit Tiefgang. Geschickt spielt es mit Traditionen und Geschlechterrollen, mit Hierarchien und Macht. Immer wieder bricht das Publikum in schallendes Gelächter aus. Auch die beachtliche Schar junger Uniformträger, die vorne links Platz genommen hat.

Vor einiger Zeit gab es gleichwohl Ärger. Das staatliche Theaterdirektorat hatte sich den Manager, den Regisseur und zwei Schauspieler zur Brust genommen. Die Kulturvorgesetzten nahmen Anstoß daran, dass beim Improvisieren auf der Bühne eines Abends die Bemerkung gefallen war, der Premierminister habe Angst vor den Vereinigten Staaten. Es gab eine offizielle Ermahnung. Doch die scheint hier wenig Schrecken verbreitet zu haben. „Ein Theater“, schoss der Vertreter der Künstlergewerkschaft zurück, „ist kein Ort, an dem Tag und Nacht die Obrigkeit gepriesen werden muss.“

Am Hafen

„Vor 25 Jahren gab es hier fast nichts“, erinnert sich Ahmet Bektaş, “außer Schmutz und Schlamm.” Seither aber wuchsen in Çömlekçi viele neue Häuser und Geschäfte empor. „Die wirtschaftliche Lage der Ladenbesitzer hat sich stetig verbessert. Jetzt ist es ein ordentlicher Stadtteil.“ Die Nase in seinem strengen Gesicht ist imposant. Sein Haar wird grau. Sein Händedruck wirkt mit der Kraft einer soliden Zwinge. Seit einem Vierteljahrhundert öffnet der Juwelier Ahmet Bektaş das Rollgitter vor seinem Laden in der abschüssigen Gasse, die zum Hafen führt. Ein Mann von brüllender Herzlichkeit. Die Stimme dröhnt durch das steingeflieste Geschäft, als gelte es, eine Kompanie auf Trab zu halten. Die Worte aber klingen nachdenklich.

Der Juwelier ist praktizierender Moslem. Zudem ein glühender Verfechter des EU-Beitritts. „Unsere Regeln und Gesetze haben wir alle geändert für die Europäische Union“, sagt er mit Stolz in der Stimme. Volk und Regierung strebten gemeinsam gen Europa. „Sonst geht doch gar nichts.“ Bektaş gestikuliert nun heftig. Für ihn steht fest: „Wenn die Türkei in der EU ist, läuft alles besser.“ Manche in Europa aber begreifen ihre Union als Christenklub. „Davor habe ich keine Angst“, winkt er ab. In Europa lebten 10 bis 15 Millionen Muslime ihre Religion. Ohne Streit mit den Christen. „Und wir müssen auch hier in der Türkei friedlich mit ihnen leben können.“

Der Laufbursche aus dem Restaurant ein Stück die Gasse herunter bringt wieder Tee. Mit elegantem Schwung bugsiert er sein Tablett durch die Ladentür. Zu jener Sitzecke, die guten Kunden und weit gereisten Gästen vorbehalten ist. Immer wieder kommt Kundschaft in den Laden, um Schmuck zu betrachten. Um Geld zu tauschen: Dollar, Euro, Rubel. Ahmet Bektaş liebt es, von seinem Sessel aus den Fluss der Geschichte zu erklären. In Trabzon versteht man sich gut auf radikale Wechselfälle des Lebens. Die Stadt ist Jahrtausende alt. Sie liegt auf einem Schnittpunkt vieler Einflusssphären. Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Russen, Ottomanen haben an diesem Ort gebaut und gewütet. Die Konstante hier: Dass die Dinge sich ändern.

Gäbe es so etwas wie ein kollektives Unterbewusstsein, Trabzon wäre eine multikulturelle Hochburg. Tatsächlich blühte hier noch vor hundert Jahren ein bunter Völkerstrauß. An einem Knotenpunkt der Kultur: mit fünf Theatern, Oper und Ballett, mit griechischen, türkischen, armenischen und französischen Zeitungen und einem gutem Dutzend Konsulaten. Alte Begierden und Machtgelüste zerstörten all dies. Im Ersten Weltkrieg rückte die Armee des russischen Zaren in Trabzon ein. Zum dritten Mal seit 1828. Als sie abzog, schlossen sich ihr – wie jedes Mal – tausende Griechen an. Dann aber griff Griechenland die Türkei an, befeuert von einem panhellenistischen Traum, einer „großen Idee“, die doch nur Größenwahn war. Und die Griechen teuer zu stehen kam. 1923 folgte, was die Türken beschönigend den „Austausch“ nennen, die Griechen die „Katastrophe“ – eine groß angelegte Rochade von Minderheiten. Die Griechen mussten weichen, auch aus Trabzon. Sie verließen ihre Häuser und Höfe, ihre Kirchen, Klöster, Schulen, Banken und Geschäfte und gingen aufs Schiff. Nach dem nächsten Krieg teilte sich die Welt in West und Ost. Der eiserne Vorhang senkte sich. Und plötzlich war die einstige Metropole Trabzon der hinterletzte Außenposten der NATO.

Bis in die 90er Jahre, als sich der Vorhang wieder hob. Der Ostblock plötzlich zu Besuch kam. Der britische Journalist Neal Ascherson schrieb damals ein wirklich luzides Buch über die Region: Schwarzes Meer. Er sah, wie Karawanen klappernder Ikarus-Busse gen Trabzon rumpelten, voll mit Russen, Ukrainern und den Völkern des Kaukasus: “Sie brachten, was sie tragen konnten: Tee-Sets und Stalin-Büsten, Spielzeugpanzer und Klodeckel, Uhren und chirurgisches Werkzeug.” Jeder hatte ein Bündel Scheine dabei, um Grenzer und Mafiosi auf dem Weg freundlich zu stimmen. Im Nu entstand neben dem Hafen ein neuer “Russenmarkt”.

Ein Segen, meint Ahmet Bektaş. „Die Leute aus Russland und Georgien kamen zuerst hier nach Çömlekçi. Sie nahmen sich ein Zimmer und fingen an, mit uns Geschäftsleuten hier Handel zu treiben.“ Daran hätten alle verdient, seien von Jahr zu Jahr reicher geworden. Die Händler des Hafenviertels investierten viel in ihre Läden. So wuchs ein gewisser Wohlstand, der den Juwelier mit Zuversicht erfüllt. Offenheit, fallende Grenzen, freier Handel. In möglichst alle Himmelsrichtungen. Das behagt dem Geschäftsmann. Er greift zum Telefon, ordert noch einmal Tee.

Café Asya

©  Tom Schimmeck
In den Gassen von Trabzon

Die Kehrseite? Die „Nataschas“. So heißen hier die Prostituierten aus Russland und Georgien. Man hört ihr kehliges Russisch, wenn man die Promenade am Hafen entlang flaniert. Man sieht sie in Lokalen sitzen, im Café Asya etwa, gleich um die Ecke vom Juwelierladen. Da lauert, auf Kundschaft wartend, eine ganze Clique, unter dem an der Wand verschraubten Fernsehapparat. Blonde oder blondierte Frauen. Gelangweilt rauchend. Oft erzählte Geschichten wiederkäuend.

Zwei lausige Herbergen habe es in Çömlekçi gegeben, als er seinen Laden eröffnete, erzählt Ahmet Bektaş. Jetzt seien es wohl bald hundert Hotels. An der Promenade hängen die Schilder dicht an dicht. Hotel Imren, Marti, Kardelen. Park Hotel. Hotel Paris. Die meisten Absteigen dienen zuvörderst der Prostitution. Unter Trabzons Ehefrauen kursieren triste Geschichten – vom Sündenfall vieler türkischer Familienväter. Von Männern, die diesen neuen Russinnen verfielen, sich ruinierten. Mahner sehen in den Nataschas die Speerspitze einer finsteren Versuchung. Eine Invasion der Unmoral, die übers Meer kam.

Später am Abend. Eine namenlose Spelunke in einer dunklen Einfahrt. Vier wackelige Tische und ein paar Stühle. Plastikblumen. Aus einem billigen Ghettoblaster quillt orientalischer Gesang. Ein resolut wirkender Mann serviert überteuertes Sodawasser. In der Ecke warten drei Blondinen, die Schminke wie Spachtelmasse ins Gesicht geklatscht. Bald äußern sie mit spitzem Mund den Wunsch, sich an den Tisch des Fremden zu gesellen. Und auch etwas zu trinken. Es sind, tatsächlich, Armenierinnen. Eine – sie verkehrt unter dem türkischen Alias "Emine" – sagt, ihre Mutter sei in Berlin geboren. Der Vater war Soldat. Wir könnten auch bald ins Hotel gehen. Eigentlich sofort. Flucht.

Der gute Moslem Ahmet hatte beim letzten Tee ein gutes Wort für die Nataschas eingelegt. „Sie sind hübsch. Sie sind blond. Die Männer hier waren interessiert“, meinte er und warf die Hände in die Luft. Als er wolle er klar machen, dass auch ihm Allahs Wege zuweilen rätselhaft seien. Einige Männer wären sexuell regelrecht süchtig geworden. Hätten die Mädchen zum Sex gezwungen. „Als die Nataschas hierher kamen“, meint Ahmet, „waren sie keine schlechten Menschen.“ Erst die Männer von Trabzon hätten sie in üble Dinge verwickelt. Was nun wohl auch wieder nicht die ganze Wahrheit ist. Aber es ehrt den Juwelier, dass er sich für die Dirnen in die Bresche wirft. Ein Gentleman?

 

Was noch geschieht

Teil 2: „Stadt der Mörder“ – Santa Maria – Stolz – Lamm in Brot – Die Leibgarde – Einer schreit

 

©  Tom Schimmeck



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