Die Stadt der starken Gefühle

Erkundungen in Trabzon - Teil 2

Von Tom Schimmeck

©  Tom Schimmeck
Schwermut am Schwarzen Meer
Fotos: Tom Schimmeck

Was bisher geschah

Teil 1: Launen – Tee und Theater – Am Hafen – Teure Träume - Europa - Nataschas

 

Morde

Die Wahrheit ist hier, wo die Gefühle so stark sind, überhaupt ein flüchtiges Gut. Schält sich überhaupt einmal ein Faktum heraus, kommt gewiss bald ein zweites zum Vorschein, das die Leuchtkraft des ersten verschattet. 19. Januar 2007: Die Übertragungswagen der internationalen Nachrichtensender rumpeln durch Trabzon. Ein Mord ist geschehen. Hrant Dink, ein türkischer Journalist armenischer Herkunft, wurde in Istanbul auf offener Straße erschossen. Das Fernsehen zeigt Bilder eines Leichnams auf dem Trottoir, bedeckt mit weißem, an den Rändern blutig verfärbtem Papier. Nur die ausgetretenen Schuhe lugen hervor. Hrant Dink hatte immer wieder an einem Tabu gerührt: dem türkischen Völkermord an den Armeniern 1915. Er schrieb auch gern über seine Liebe zur Türkei. Das aber zählte nicht für seine Feinde.

Sein Mörder ist 17. Er kommt aus Trabzon.

Nicht der erste Mord. Bereits im Februar 2006 starb der katholische Priester Andrea Santoro in Trabzon –beim Gebet hinterrücks erschossen. Von einem 16jährigen Bursche. Der drückte ab und rief: „Allah ist groß.“

Die Kirche Santa Maria Kirche liegt im Zentrum Trabzons, an einer steilen Gasse Richtung Meer, hinter einer sehr hohen Mauer. Eine Videokamera kontrolliert das nun stets verschlossene Eisentor. Man muss klingeln. Pfarrhelfer Niko, ein Rumäne mit sanften Augen, sitzt im hübschen Innenhof, nippt an einem Instant-Kaffee, lauscht dem nahen Muezzin. Sein Sonntagsgottesdienst ist gerade vorbei. Niko und seine Frau halten allein die katholische Stellung. Sie hätten keine Angst, bekundet er. „Nach dem Attentat waren der Bürgermeister, der Gouverneur, alle wichtigen Leute hier“, erzählt er. „Aus der ganzen Türkei kamen Blumen und Beileidsbriefe. Die Menschen aus Trabzon trifft keine Schuld. Die Journalisten haben den Schlamm auf Trabzon gekippt.“ Jawohl. Die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen seien „ganz normal“, ergänzt er fast flehentlich. Er habe sogar einen Imam zum Freund. Der käme ab und an zu Besuch. „Wir sprechen über vieles.“

„Stadt der Mörder“ nannten die Fremden Trabzon fortan. Zum beliebtesten Ort für die Ursachenforschung avancierte der Stadtteil Pelitli, an einem steilen Hang gelegen, mit Blick auf das Schwarze Meer und den Flughafen. Hier, heißt es, wohnen die zornigen jungen Männer. Gleich nebenan der Campus der KTÜ, der Technischen Universität des Schwarzen Meeres. Der Mörder Hrant Dinks, seine Anstifter und Helfer, sie alle kamen aus Pelitli.

Gerüchte

Vom Hof der Grundschule dringt Kindergeschrei. Osman, ein zehnjähriger Junge, spielt auf der Straße. Wie ist das Leben hier? „Gut“, sagt er artig. Er muss noch Hausaufgaben machen, darf danach ein bisschen mit dem Computer spielen. Oder vielleicht noch einmal raus. Wenn er groß ist, will Osman Informatiker werden und „neue Computer bauen“. Auch Samet, ebenfalls zehn, hat eine klare Perspektive. Auf die Frage nach dem Berufswunsch antwortet er blitzschnell: „Ministerpräsident.“ Die Türkei solle endlich eine richtige Industrienation werden. Nach dem Vorbild der USA. Samet hat kein Verständnis für Leute, die das nicht kapieren.

Ein paar Schritte weiter lungert eine Gruppe junger Männer, untätig am Straßenrand. Was sie hier machen? „Rumlaufen und Mädchen anbaggern“, blödelt einer. Die anderen lachen kreischend. Dann klagen sie über den Mangel an Jobs. Einer will nach Amerika, ein anderer erst einmal zum Militär. „Wenn man es nur anpackt, kann man alles machen“, sagt er. Nun diskutieren sie. Die Chefs zahlten lausig, meint einer, 200 Euro im Monat. Das reiche nicht zum Leben. Sie wohnen immer noch bei den Eltern, hängen nur rum. Mit nichts als Träumen. Angeblich gibt es in Trabzon an die 250 Internet-Cafés, in denen Jugendliche die Zeit totschlagen und dumme Ideen downloaden. Das Café in Pelitli, in dem der Mörder Dinks verkehrte, wurde durchsucht, die Computer konfisziert.

©  Tom Schimmeck
Lokaltermin in Pelitli

Vor dreißig Jahren lebten auf diesem Hang fünf Familien zwischen hundert Haselnuss-Sträuchern. Heute wohnen hier über 30.000 Menschen. Die meisten in „Naturkatastrophen-Behausungen“ – hastig aufgemauert, nachdem Tausende in den Dörfern rundum durch Fluten und Schlammlawinen obdachlos geworden waren. Es mangele an Jobs, meint Adnan Biringi, 31. Er sitzt in der Durak Kiraathanesi, der örtlichen Teestube. Das wichtigste Kommunikationszentrum, geöffnet sieben Tage die Woche, von 7 bis 23 Uhr. Biringi ist Bauarbeiter, gelegentlich: „Sechzig Prozent der Leute hier sind arbeitslos.“ Die schlagen sich so durch; machen, was immer sie gerade kriegen können. Wer zu Geld kommt, zieht gen Westen. Die Armen vom Land rücken nach. „Wenn der Haselnusspreis fällt, ist endgültig der Ofen aus hier“, glaubt er . Immerhin gäbe es kleine Zeichen eines Aufschwungs in Pelitli: „Die Mieten steigen. Die Gegend wird beliebter.“

Adnan Biringi hat acht Jahre in Deutschland malocht. Und gespart. Davon zehren er und seine Familie bis heute. Die Kinder sind neun, zwölf und vierzehn Jahre alt. Der Große ist Nachwuchsspieler beim Fußballclub Trabzonspor, eine Hoffnung. Sein Ziel: Die Sportakademie. Der 12jährige will Mathematiklehrer werden, die kleine Tochter Krankenschwester. „Am besten“, findet der Vater, „sollten alle drei studieren. Damit sie auf eigenen Beinen stehen können.“

Und keine Mörder werden?

Das war jetzt ein bisschen provokant. Adnan Biringi steckt es weg. Sicher, Dinks Mörder und der Mann, der ihm die Waffe zusteckte, seien hier zusammen aufgewachsen und zur Schule gegangen. „Das ist doch normal. Keiner weiß genau, was dahinter steckt.“ Sobald das Gespräch auf die Morde kommt, ergeht man sich in Trabzon in Verharmlosungen und allerlei verqueren Vergleichen. Pelitlis Bürgermeister, ein Mann der regierenden AKP, hat flugs an das verflossene osmanische Weltreich erinnert und erklärt, man dürfe die große Türkei nicht auf eine Stufe stellen mit „einem Volk, das uns einmal untertan war“. Er meinte die Armenier.

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Herrenrunde im Teehaus

Prompt mischt sich ein anderer Teehaus-Besucher ein: „Dieser ermordete Journalist, der war doch Armenier?“ Nur deshalb seien „die aus Deutschland und Amerika“ hierhergekommen. „Wären die auch gekommen, wenn er ein Türke gewesen wäre? Wieso hängen die das derart an die große Glocke?“ Es scheint ein typisch Trabzoner Trotzreflex zu sein: Sich in die Ecke gedrängt fühlen, von Fremden böswillig missverstanden, als Opfer einer Verschwörung. Und alsdann beleidigt sein. Da fruchtet auch der Einwand wenig, dass Hrant Dink, wiewohl armenischer Herkunft, doch auch ein stolzer Türke war. „Aber er hat Schlechtes über die Türkei geschrieben“, beharren die Männer im Teehaus. „Das hat der junge Mann im Kopf gehabt.“

Nach dem Mord riefen 100 000 trauernde Türken, Kurden und Armenier in Istanbul: „Wir sind alle Armenier. Wir sind alle Hrant Dink!“ Die Antwort kam aus dem Fußballstadion von Trabzon: „Wir sind alle Türken. Wir sind aus Trabzon. Wir sind alle Mustafa Kemal Atatürk!“

Damals sei auch ein Journalist aus Frankreich nach Pelitli gekommen, erzählt der Arbeiter Adnan. Frankreich! Da kriegen sie gleich einen dicken Hals. Als das französische Parlament ein Gesetz gegen die Leugnung des türkischen Völkermordes an den Armeniern verabschieden wollte, rief Pelitlis Bürgermeister zum Boykott französischer Waren auf. Als ob sie hier den ganzen Tag Brie und Baguette mampfen würden. Ein Freund, erzählt Adnan nun stolz, habe den Franzosen mutig gefragt, ob man denn in Paris, sollte dort ein türkischer Journalist ermordet werden, auf die Straße eilen und rufen würde: "Wir sind alle Ali, wir sind alle Moslems"?

An den Tischen rundum klackern die Spielsteine. Immer wieder kommt frischer Tee. Wir streiten. Bis Hasan Babuşcu, Besitzer der Teestube, zu einem Imbiss ins Hinterzimmer bittet: Akçaabat Köfte – Lamm in Brot. Würzig, heiß, köstlich. Wir krümeln und kleckern. Der Sportteil der Zeitung dient als Tischdecke.

©  Tom Schimmeck

Verschwörungen

Die Türkei ist verwirrend. Ex-Islamisten reformieren die Demokratie und streben gen Europa, basteln an Allahs sozialer Marktwirtschaft. Während Militärs und Linke gemeinsam nach Abschottung streben, die regierende AKP verbieten lassen wollen. Da gedeihen Verschwörungstheorien überall üppig. Auch in Trabzon. Hinter den Morden, raunt der Juwelier Bektaş, würden wohl dunkle Kräfte stecken. Der Priester Santoro etwa wurde ja angeblich von einem jugendlichen Einzeltäter aus Empörung über die dänischen Mohammed-Karikaturen umgebracht. Ein Gericht verurteilte den Mörder zu 18 Jahren Haft. Steckte womöglich mehr dahinter? Und erst der Mord an Hrant Dink: Da häufen sich die Skurrilitäten. Zwei Trabzoner Gendarmen sagten im Prozess aus, ihr Kommandant sei von den Plänen genau informiert gewesen. Und habe sie hernach zu Falschaussagen gezwungen. Bei der Verhaftung des Täters in der Stadt Samsun posierte er vor einer türkischen Flagge, in Gegenwart des Polizeikommandanten der Provinz und des diensthabenden Gendarmeriechefs. Beamte machten Erinnerungsfotos und -videos von sich und dem Täter, der bei ihnen offenbar eine Art Heldenstatus genoss.

Steckte am Ende gar „Ergenekon“ dahinter – jenes geheimnisvolle Netzwerk von Superkemalisten in Militär, Polizei, Justiz und Medien, gegen das Istanbuler Staatsanwälte seit langem ermitteln? Eine Truppe, die, um das Fundament der Türkei zu schützen, angeblich auch vor Sprengstoffanschlägen und Morden nicht zurückschreckt, die mit Drogenhändlern und dem organisierten Verbrechen paktiert. Um das Militär zu einem Putsch zu bewegen. Man nennt sie den „Tiefen Staat“.

Einer schreit

Der Volkserzieher Atatürk, der die Türkei so radikal gen Westen ausrichtete, wird immer häufiger als eine Art Schutzpatron gegen den Westen benutzt. Dabei war ausgerechnet Frankreich sein großes Vorbild. Die Trabzoner verehren ihn auf eine verschrobene Art, verschanzen sich hinter ihm, gerieren sich als eine Art Leibgarde des Meisters. Als Mustafa Kemal am 19. Mai 1919 mit seinem Schiff, der Bandırma, in Samsun an Land ging, um den Freiheitskampf zu beginnen, so geht die Legende, standen Trabzoner in der ersten Reihe. Später hat Atatürk sie als gute Kämpfer gelobt, als besonders „klug, fleißig und produktiv“.

Wie fast jedes Gebäude, in das der „Vater der Türken“ einen Fuß gesetzt hat, ist auch jenes Haus im Zentrum von Trabzon, in dem er bei einem Besuch 1924 einige Tage verweilte, als Museum hergerichtet. Der Salon sieht aus, als hätten noble Herren ihn just verlassen. Zu den Exponaten zählen diverse Gebetsbücher und -ketten, Zigarettenetuis und -halter, eine Pistole mit weißem Griff, Marke Walther, auch eine Waschmaschine und diverse andere Gegenstände, die in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem hohen Kurzbesuch stehen. Zugleich symbolisiert das Haus die kosmopolitische Vergangenheit der Stadt: Gebaut von einem Italiener, kam es in den Besitz eines russischen Bankiers mit griechischem Namen. Der ging bankrott.

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Propaganda ist die Eitelkeit der Macht

Geben sich die Trabzoner so zwanghaft türkisch, weil sie unter Phantomschmerz leiden? Politiker hätten in den letzten zwanzig Jahren „Unmengen Nationalismus und Chauvinismus in die Stadt gepumpt“, schimpft Gültekin Yücesan, der örtliche Dissident vom Dienst. Der alte Gewerkschafter und Menschenrechtler verkörpert das Gewissen der Stadt. Er darf auch unbequemste Thesen schwingen, ohne um seine Sicherheit fürchten zu müssen. Etwa die, dass Trabzon seit dem Weggang der Griechen vor über achtzig Jahren auf der Suche nach sich selbst sei. Dass die Stadt ihre Geschichte verdränge. Und eigentlich seit 1924 tot sei. Das Gros der heutigen Bewohner, behauptet etwa der Historiker Halil Inalcik, stamme von Griechen ab. Doch davon will in Trabzon niemand etwas wissen.

In einer Seitengasse im Zentrum steht ein alter Mann und schreit. Er sieht aus wie ein Kriegsveteran, trägt eine blaue Uniformmütze,. seine Brust ist mit vielen Orden behängt. „Es sind zu viele gestorben in Çannakkale!“, brüllt er. "Viel zu viele!" Der Ort Çannakkale steht für eine der verheerendsten Schlachten des Ersten Weltkriegs; im Westen eher unter dem Namen Gallipoli ein Begriff: Der fehlgeschlagene Versuch der Entente-Mächte, Konstantinopel zu erobern. An die hunderttausend Soldaten kamen zu Tode, eine Viertelmillion wurde verwundet. Der alte Mann schreit und schreit. Das tue er seit Jahren, sagen die Leute, sogar in der Moschee. Alle kennen ihn. Keiner weiß seinen Namen.

 

Was noch geschieht

Teil 3: Einkaufstempel – Gefräßige Schnecken – Kopftücher und Küsse – Der menschliche Vorteil - Schwarzmeersturm

 

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