Die Stadt der starken Gefühle

Erkundungen in Trabzon - Teil 3

Von Tom Schimmeck

©  Tom Schimmeck
Fußball ist die stärkste Religion
Fotos: Tom Schimmeck

Was bisher geschah

Teil 1: Launen – Tee und Theater – Am Hafen – Teure Träume - Europa - Nataschas

Teil 2: „Stadt der Mörder“ – Santa Maria – Stolz – Lamm in Brot – Die Leibgarde – Einer schreit

 

Rapana

Der Russenmarkt ist auch schon wieder Geschichte. Im Sommer 2008 brach eine neue Ära an, die Shopping-Ära: Zwischen Hafen und Flughafen eröffnete das Forum, der neue Einkaufstempel am Wasser. Die Silhouette beherrscht von einem stilisierten Leuchtturm, klassisch rot-weiß geringelt. Auf über 30.000 Quadratmetern ballen sich moderne Attraktionen: Markenklamotten, Unterhaltungselektronik, Blockbusterkinos, Fastfood. Eine Investition der bald skandalumwitterten Meinl European Land Limited aus Wien. Kreiert von Designern aus Holland, von Architekten aus Istanbul und Lissabon. Das Management plant Schiffszubringer aus dem georgischen Batumi und dem russischen Sotschi. Trabzon will wieder zur Schwarzmeer-Metropole werden. Die Peripherie strebt ins Zentrum. Selbst Premierminister Recep Tayyip Erdoğan, Sproß einer Schwarzmeer-Familie, erschien zur Eröffnung. Er kommt gerne hierher, um Rückhalt und Bestätigung zu tanken. Auch Erdoğan drängt vom Rand in die Mitte.

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Maritime Miniaturen

Tabak, Haselnüsse, Tee. Das waren bislang die Hauptprodukte der Region. Nun experimentieren abenteuerlustige Bauern mit Kiwi und Avocado. Selbst der Fisch kehrt zurück. Vor wenigen Jahren galt der Hamsi als bedroht – eine Sardelle, die hier seit Menschengedenken verehrt und in zahllosen Varianten verzehrt wird. Sogar als Süßspeise. „Hamsi ist wirtschaftlich und sozial wichtig“, sagt Ertuğ Düzgüneş, Dekan der meereswissenschaftlichen Fakultät der KTÜ. „Aber er ist auch Folklore, Kultur, Geschichte, Musik. Hamsi ist eine Ikone für die Menschen.“

Nur leider ist das Schwarze Meer über Jahrzehnte zur Kloschüssel von etwa 175 Millionen Europäern verkommen. Große Flüsse wie Donau, Don und Dnjepr spülen Dreck, Dünger und Schwermetalle ins Meer, Jauche aus achtzehn Ländern. Abkommen und Reformen der Anrainerstaaten konnten die Situation ein wenig verbessern. Doch sie bleibt prekär. Besonders schmutzig, sagt Düzgüneş, sei das Meer im Westen, vor der Ukraine und Rumänien. Genau dort liegt die Kinderstube des Hamsi.

Im Morgengrauen sieht man die kleinen Fischerboote auf dem spiegelglatten Meer schaukeln. Auch Fischer Affan Kaba verlässt früh die Schlafkammer unterm Dach seines kleinen Fischerhäuschens, schlürft schnell einen Tee, stapft auf Socken die kurze Treppe herab, streift sich die Schuhe über, greift sich die Netze und tritt vor die Tür. Sein Boot, die Poyraz, liegt im kleinen Hafen von Of, einige Kilometer östlich von Trabzon. Eine Nussschale, kaum größer als ein gängiges Ruderboot, aber geschlossen – um Stauraum für den Fang zu haben. Man kann sich kaum irgendwo festhalten. Poyraz – so heißt der kräftige Nordostwind, der hier oft bläst.

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Fischer ohne Fische: Affan Kaba

Der Fischer trägt Jeans und einen braunen Pullover. Während er das Tau löst, eine Zigarette im Mund, spricht er von Liebe und Leidenschaft. „Es fällt einem oft schwer, so früh am Morgen aufzustehen. Bei jedem Wetter, bei Orkan und Sturm.“ Kaba ist 45 Jahre alt. Fährt seit 17 Jahren aufs Meer, meist gemeinsam mit einem Freund. Die Fischerquartiere stehen in einer langen, schnurgeraden Reihe, dicht an dicht, wie winzige Reihenhäuser. Es ist eine verschworene Gemeinschaft, die ihren Stolz pflegt. Einen ausgeprägten Sinn für Freiheit. Die Fischer hier gelten als Eigenbrötler und Stinkstiefel. „Aber wir in Of sind ganz freundlich“, meint Kaba grinsend. „Wir fahren nicht weit hinaus. Müssen nicht so kämpfen um unsere Fanggründe.“

Das Meer ist tückisch. Auch auf kurzer Fahrt nimmt er stets alles Nötige mit: Proviant und Reservekanister. Einmal seien sie zu zweit plötzlich in einen furchtbaren Sturm geraten, erzählt der Fischer; die Wellen so gewaltig, dass niemand ihnen zu Hilfe eilen konnte. Allein hätte er das Boot wohl aufgegeben. Sein Freund aber konnte nicht schwimmen. So klammerten sie sich stundenlang an ihre vom Unwetter hin und her gepeitschte Schaluppe. Kamen endlich doch heil nach Hause.

Wittling fangen sie immer. Steinbutt, Bonito und andere Arten je nach Saison. Vor zehn Jahren gingen Fischer Kaba noch viele Störe ins Netz. Weil aber diese Spezies auf dem stark verschmutzten Meeresboden lebt, ist sie nahezu ausgerottet. Wie auch die Grüne Makrele. „Fast nicht mehr zu finden“, sagt er und steckt sich noch eine an. Störe gibt es nur noch ein paar Kilometer weiter - in den Zuchttanks der Meereskundler.

Es ist nicht Europas Dreck allein. Aufgrund der globalen Erwärmung dringen immer mehr indopazifische Arten bis ins Schwarze Meer vor fressen die Fischeier und -larven und dezimieren so die Bestände zusätzlich. Die Schnecke Rapana etwa kam schon vor sechzig Jahren von der chinesischen Küste per Schiff hierher. Ein Bio-GAU: Sie vermehrte sich rasant, hatte ja keine Feinde hier. Die Schnecke vertilgt Muscheln, die eigentlich das Meerwasser filtrieren sollen. In den achtziger Jahren reiste, im Ballastwasser von Frachtern aus dem Nordatlantik, der nächste Eindringling an: die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi. Sie dezimiert das Zooplankton, das Brot vieler Wasserbewohner; frisst auch Fischeier. Ihre Biomasse wurde auf eine Milliarde Tonnen geschätzt. Der Fischfang ging in die Knie. Trabzons Hamsi traf es besonders hart. Bis eine weitere Qualle auf den Plan trat: Beroe ovata. Die frisst jetzt ihre Kollegin. Sehr zur Freude der Fische. Und der Fischer.

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Lange Reihe: Fischerhäuser am Hafen von Of

Es gibt Regeln für den Fang. „Wenn einer während des Fangverbots losfährt, kann er Milliarden von Eiern zerstören“ – mit verheerender Wirkung, erklärt Affan Kaba. „Wenn unsere Freunde sich nicht an die Regeln halten, warnen wir sie.“ Doch gebe es zu wenig Kontrolle in der Türkei, meint Dekan Düzgüneş. Ein Fischer, der eine Lizenz hat, kann in der Zeit, in der Fang freigegeben sei, munter drauflos fischen. Auch Düzgüneş sagt: Die Leute hier seien wie das Meer: Unbewegt wie eine Pfütze. Und plötzlich schlügen sie hohe Wellen.

Küssen

An einem schönen Tag verfliegt das graue Klischee. Das Zentrum lacht freundlich. Auf dem Hauptplatz mit dem riesigen Atatürk-Denkmal wird unter Bäumen viel Tee getrunken. Müßiggänger, Paare, Kinder mit Luftballons. Ein Brunnen plätschert. Die Uzun Sokak, die Lange Straße, eine Fußgängerzone, ist voller Leute, junger Leute vor allem. Sie flanieren, inspizieren die Auslagen der vielen Modegeschäfte, die Plakate der beiden Kinos; sitzen in offenen Lokalen, denen verlockende Gerüche entweichen, in Teestuben, Eiscafés. Die Sonne scheint. Ab und an weht vom Meer eine erfrischende Brise herauf. Manche Mädchen tragen Kopftuch, viele nicht.

Es ist Freitag, der Andrang in der Iskenderpaşa Moschee neben dem Rathaus so groß, dass nicht einmal der Vorplatz alle Gläubigen fasst. Ein Mann zerreißt alte Kartons und verkauft sie – zum Knien auf dem Straßenpflaster. Mitten im Verkehr, der um die Betenden herum weiterfließt. In friedlicher Koexistenz.

„Vor zehn Jahren durftest Du hier mit Deiner Freundin auf der Straße nicht einmal Händchen halten“, berichtet Ömer Ural, ein junger Musiker, aus leidvoller Erfahrung. Gewiss, das Gros hier sei glühend patriotisch. Und krachend konservativ. Aber auch diese Stadt erlebe einen allmählichen Sittenwandel: „Heute ist selbst Küssen kein Problem mehr.“

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„Trabzon ändert sich, weil die Welt sich ändert“, meint Schauspieler Şevki Çepa, „jeden Tag einen kleinen Schritt.“ Das Leben werde leichter. Nicht unbedingt ökonomisch. Aber kulturell: „Die Stadt wird moderner, es entstehen neue Räume in ihr – Kinos, Cafés. Sie öffnet sich. Die Leute kommen einfacher zusammen. Sie berühren sich.“

Politischer Wandel kann jäh eintreten. Mentalitäten aber ändern sich langsam, über Generationen. Weil Kultur Identität ist. Sie kann zum drückenden Korsett werden. Doch gibt sie auch Halt. Wer aus Nachbarstaaten wie Georgien oder Russland herüberkommt, spürt sofort, wie ordentlich, diszipliniert, fest gefügt das Leben in Trabzon ist. Auch hier sind McDonalds und die globalen Marken präsent. Doch die meisten Bewohner essen türkisch, hören türkische Musik, sind türkisch von morgens bis abends.

„Die europäischen Länder sind industrialisiert, sie sind entwickelt. Die Menschen dort sind wohlhabend“, gibt Yusuf, ein freundlicher Imam, nach dem Mittagsgebet zu bedenken. „Aber die menschlichen Beziehungen sind nicht so wie in der Türkei. Sie haben keinen Kontakt. Sie reden nicht miteinander. Wir sind wirtschaftlich noch nicht so entwickelt, aber menschlich ist unsere Situation besser.“ Sein Rat an die Jugend: „Sport treiben und Bücher lesen.“

Wir

Der Sport darf nicht fehlen. Das Stadion von Trabzonspor bildet den Nukleus aller Empfindungen dieser Stadt. Fußball steht für Eindeutigkeit an diesem so vieldeutigen Ort. „Wir sind in Trabzon geboren und aufgewachsen. Für uns gibt es keinen andern Club als diesen“, erklären Kübra und Sabiya, 16 und 18, vor dem Stadion an der Kasse. Kübra spricht von Liebe. Im B-Block klatscht sich eine Horde junger Fans warm, springt schon vor dem Anpfiff johlend auf den roten und blauen Sitzschalen herum. Die Vereinsfarben, überall in Trabzon zu finden: Ein bräunliches Rot und ein helles Blau. Ein Fan in Pelitli hat sogar sein Haus so gestrichen.

Das kleine Trabzon lebt vom Mythos, die einzige wirkliche Bedrohung der drei großen, reichen Istanbuler Vereine zu sein, die auch diese Super-Liga am Ende wieder unter sich ausmachen werden: Galatasaray, Fenerbahçe, Beşiktaş. Trabzonspor, der „Schwarzmeersturm“ – das ist der Kult aller Underdogs. Dieser Club hat schon Liverpool und Barcelona geschlagen. Er zehrt von der Erinnerung an bessere Tage. Mitte der siebziger Jahre begann seine große Zeit. Die Helden von Trabzonspor gewannen binnen zehn Jahren sechsmal die Liga und dreimal den türkischen Cup. Wenn sie nicht Erste waren, waren sie Zweite. Es gibt in Trabzon nichts, woran man sich lieber erinnert.

Özcan, 28 Jahre, Arbeiter, formuliert das unumstößliche Credo: „Ich, Trabzon, Fußball: Wir.“ So sei es schon beim Großvater und Urgroßvater gewesen. So werde es unumstößlich bleiben. „Das ist ein schönes Gefühl“, ruft ein junger Bursche. „Das macht mich einfach sehr glücklich“, jubelt ein anderer. In einem lärmenden Duett feuern sich die Fanblocks quer durchs Stadion an. Singen, was Ballbegeisterte eben so singen: Dass Trabzon ihr ein und alles sei. Dass es außer der brennenden Liebe zu Trabzonspor letztlich nichts gebe auf dieser Welt. Und dass die Jungs, verdammt nochmal, endlich angreifen sollten. Unten auf dem Rasen spielen sie gegen Gençlerbirliği. Eher eine Abstiegstruppe. Es ist ein lausiges Match.

In der Menge steht Herr Gül. Gebürtiger Trabzoner, Unternehmer, seit bald dreißig Jahren am Bodensee ansässig. Nur zu Besuch. Der Anblick des müden Spiels lässt sein Herz schwer werden. „Wir sind halt normalerweise ’ne ganz große Mannschaft“, schwäbelt er. Die Fans so treu, richtig „gut drauf“. Aber geschäftlich sei hier eben wenig zu holen, klagt Herr Gül: „Also wir ernähren uns nur von Haselnuss. Und von Fisch ein bissel.“

Nach dem Spiel wühlen sich im Fanshop ein Vater und sein siebenjähriger Sohn Emin durch die Devotionalien. Emin ergattert einen Ball und eine Sporthose. Der Kleine sei ein fanatischer Anhänger, erläutert der Vater achselzuckend. Er müsse ihm das kaufen. Warum er Fan ist? „Ich bin hier geboren. Deswegen“, kräht der Kleine. Und stapft von dannen, den Ball unterm Arm.

 

©  Tom Schimmeck



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