Taxi zu den Göttern

Abenteuer Indien (I): Unangeschnallt ins Pantheon

Von Marc Bielefeld

©  Angelika Jakob
Schlechte Straßen, gutes Karma: Eine Taxifahrt durch Indien ist nichts für Perfektionisten. Höchstens für Perfektionisten der Phantasie
Fotos: Angelika Jakob, Gabriel A. Neumann, Stefan Schomann

Der erste Gott ist noch aus Plastik, Ganesh sein Name. Ganesh hat einen fetten Wanst, einen Elefantenkopf, sechs Arme und reitet auf einer Ratte. Die kleine Kitschfigur thront auf dem Armaturenbrett des alten Ambassador, vom Rückspiegel baumelt das Kreuz des Allmächtigen. Das religiöse Gedöns beruhige ihn, behauptet Saduraj. Dann wackelt er mit dem Kopf, startet den qualmrotzenden Diesel und gibt Gas.

©  Gabriel A. Neumann

Beruhigen, das ist auch nötig. Vor der Windschutzscheibe fliegt Chennai vorbei, Indien. Ein Delirium aus Menschen, Müll, kreischenden Motorrikschas und Mopeds, auf denen ganze Familien kauern. Der gute Saduraj. Wie konnte er diese Staublunge dreißig Jahre als Busfahrer überleben? Nur als Chaosexperte. Heute ist Saduraj pensioniert und steuert eines dieser bollerigen Taxis durchs Land. Eine Woche werden wir mit ihm unangeschnallt durch den Süden des Subkontinents brettern, das heilige Indien entdecken. Eine Woche wird Saduraj unser Fahrer sein, unser Führer, unser Vertrauter. Und er wird uns zu den Göttern hupen.

©  Angelika Jakob

Aber noch tobt das Diesseits. In Indien leben eine Milliarde Menschen, die über 300.000 Mythenfiguren verehren. Tausende Tempel ragen aus Reisfeldern, Dörfern und wimmelnden Metropolen. Unzählige Schreine, aus denen Weihrauch quillt und vor denen sich teufelschwänzige Priester drehen. Und damit es nicht langweilig wird, sind ständig Millionen von Hindupilgern unterwegs zu ihren Heiligenstätten, barfuß, nackt bis auf die Dhotis, mit verbranntem Kuhdung bemalt und Kokosnüsse auf dem Kopf balancierend.

Yatra nennen sie es, heilige Reise. „Einmal im Leben sollte jeder Hindu die großen Tempel besucht haben, sonst wird er als etwas wiedergeboren, das er bestimmt nicht sein will.“ Saduraj wackelt schon wieder mit dem Kopf. Will heißen: „Ja, ja, so ist das.“ Das macht er immer, wenn er uns Indien erklärt.

©  Stefan Schomann

Crashkurs in Hinduismus - als Dummy im Taxi

Madras lichtet sich. Wir fahren nach Nordwesten, vorbei an wässriggrünen Feldern, brennenden Cashew-Öfen und auf der Straße dösenden heiligen Kühen. Das Taxi entpuppt sich als flotter Mobil-Kokon. Genau das richtige Fortbewegungsmittel für einen Crashkurs in Hinduismus. Und nicht die schlechteste Alternative zum Achterbahnfahren.

Ein rammelvoller Ashok-Leyland-Überlandbus rast frontal auf uns zu, mit zehn Grad Schräglage, wehenden Blumengirlanden und Büscheln herauswinkender Arme. Es sind Gläubige auf Pauschalreise. Saduraj zickzackt mit Karacho an zwei Ochsen vorbei und rasiert haarscharf an unserer Wiedergeburt entlang. Bremsen? Lächerlich. Wir sind doch in Indien. Die da oben passen schon auf.

©  Stefan Schomann

Saduraj ist Christ und geht jeden Sonntag in die Kirche. Aber die Hindugötter mag er auch: „Very powerful Gods.“ Manchmal stellt er sich Krishna oder Lakshmi, die Göttin des Reichtums, neben das Lenkrad. Und neulich hat er sogar eine blinkende PVC-Moschee spazieren gefahren. In Indien bringen eben alle Religionen Glück, und spiritueller Ramsch hat noch keinem geschadet.

Nach vier Stunden kommt Tirupati in Sicht. In den grünbewaldeten Höhen im Süden Andra Pradeshs versteckt sich die nach dem Vatikan reichste Heiligenstätte der Welt. Und heute ist Vaikunta Ekadasi: Lord Venkateshwara, eine der begehrtesten Gottheiten Indiens, wird in den nächsten 24 Stunden die Pforten ins Paradies öffnen. Wer es schafft, jetzt im Zentralschrein vor die Heiligenfigur des Lords zu treten, der wird nach dem Tod lotrecht gen Himmel aufsteigen. Die Legende will es so, und so soll es geschehen.

©  Gabriel A. Neumann

Der Weg ins Tempelinnerste dürfte kein Sonntagsspaziergang werden. Der Gottessitz verleibt sich mehr Pilger ein als Rom und Mekka. Schon an normalen Tagen strömen bis zu 300.000 hindurch. Und heute wollen eine Million Inder dem Supergott ins Antlitz beten. „Good Luck“, sagt Saduraj und streckt sich zum Nickerchen auf die Rückbank seines Taxis.

Audienz im Allerheiligsten

An den Tempeleingängen fräsen sich die Leiber ineinander. Kinder, Frauen, Greise, ein ganzes Meer presst sich über die Zugangswege in die göttlichen Abgründe. Zwei, drei Tage stehen sie Schlange, quetschen sich durch die Kellergänge, die vergittert sind wie Raubtierkäfige, um den Ansturm zu bremsen. Wer Glück hat, darf mit einem ausländischen Pass in die schnellen VIP-Schlangen. Und schnell ist gut. Auch hier stehen wir – acht Stunden! Acht Stunden Drücken und Drängeln, um die Aussicht aufs Himmelsreich zu erhaschen.

©  Angelika Jakob

Auf halber Strecke durch die Katakomben kleben wir zwischen den Kahlgeschorenen fest. Die Tonsur ist das heiligste Opfer, weshalb die Tempeloberen draußen einen vierstöckigen Betonbau hochgezogen haben, in dem 700 Frisöre die Schädel der Pilger rasieren. Der Tempel verkauft die Haare. In die USA und nach Japan, wo schwarze Echthaarperücken im Trend liegen. Ganze Frachtladungen geopferter Indermähnen, das bringt mal eben ein paar Millionen Dollar Nebengeschäft im Jahr.

Immer weiter quellen wir im Strom voran. Bis zum Portal des Zentralschreins, wo die Menschen jetzt frenetisch ihrem Gebieter entgegenpoltern. Sie küssen die Stufen, flehen ins Jenseits. Von der Decke starren pferdeköpfige Steinfiguren herab, und dann, nach ewiger Schmirgelpartie, darf man endlich vor den Lord. Darshan: Es ist der Moment des Gottsehens. Der große Venkateshwara ist klein. Ein Meter Gold, behängt mit Schmuck und Juwelen. Einen winzigen Augenblick haben die Pilger Zeit. Drei Sekunden Beten. Dann werden die Erlösten von den Aufsehern weitergeschubst. Hinter ihnen wuseln noch ein paar Zehntausend in den Gitterschläuchen.

©  Gabriel A. Neumann

Draußen, wieder unter freiem Himmel, strömen die Menschen noch immer. Nur Saduraj ratzt tief und fest und schnarcht. Inder können überall schlafen. Auf Eselskarren, an Laternenmasten und in Taxis. Dann wacht Saduraj auf, und prompt röhren wir weiter.

On the road again

Auf der Fahrt gen Süden wird es in den nächsten Tagen heißer, feuchter, tropischer. Indien breitet sich aus, Palmen stehen herum, zu Tausenden. Bei Kudavasal in Tamil Nadu tänzelt plötzlich ein Schauspieler auf dem Asphalt. Er spielt Gott, und er tut das sein Leben lang. Er trägt einen grünen Stoffschwanz, in die Haare geknotete Pflanzen, das Gesicht zur geisterhaften Fratze geschminkt. Der Mann ist zu einem Waldgott mutiert, zum wandelnden Imitat einer der vielen Figuren aus der Mythenwelt. Er lebt von Spenden und darüber hinaus von nichts als nackter Hingabe. Hinduismus live, mitten auf der Straße.

©  Stefan Schomann

Immer wieder versucht Saduraj, uns dieses Indien zu übersetzen. Die Bilder. Die nie endenden Eindrücke, während wir durchs Land treiben. Thanjavur und Madurai mit ihren riesigen Tempeltürmen. Die Teiche, in denen sich die Gläubigen die Sünden vom Leib waschen. Die bemalten Elefanten in Chidambaram, von deren Rüsseln sich die Menschen auf die Stirn küssen lassen, für Glück und Segen. Die Großfamilien, die zum Erntedankfest Pongal überall im Süden vor riesigen Töpfen sitzen und Reisbällchen verteilen.

Und ständig kommen neue, fremde Sequenzen hinzu. Die Frauen, die in pinkfarbenen Saris mit ihren Gänsen durch die Sümpfe ziehen. Die Ziegen, die wie hautbehangene Skelette neben den Brunnen wackeln. Und die Arm- und Beinlosen, die vor den Tempeln um Gnade betteln und einem für ein paar Rupien ein Lächeln schenken, dass einem der Atem stockt. Es wird dauern, dieses Indien aus dem Kopf zu kriegen. Weil es einem Hiebe versetzt. Einen urplötzlich wieder umarmt. Und immer aufs Neue überrascht.

©  Gabriel A. Neumann

Am sechsten Tag der Reise steht M. R. Partharan vor uns, unten am Fluss von Pamba. Er hat sich vier Meter lange Sandelholzketten um den Hals gehängt, ist ausgemergelt wie ein Lianenstrang und bekennender Ayyappa, Anhänger eines besonderen Götterkultes. Partharan hat vierzig Tage Fußmarsch hinter sich, auf nackten Sohlen aus dem Süden Keralas kommend, fastend und singend, und er sieht glücklich aus so kurz vor dem Ziel. Im Dschungel der keralischen Westghats steht der Tempel von Sabarimala, das magnetische Zentrum des zweitgrößten Pilgerzugs der Welt. Denn M. R. Partharan ist kein einsamer Wanderer, sondern einer von achtzig Millionen Ayyappa-Anhängern, die jedes Jahr aus ganz Indien herbeifließen.

Im Lauf der letzten dreißig Jahre hat der Kult um den Star-Gott Ayyappa oder Ayyappan derart an Popularität gewonnen, dass der ganze Subkontinent von ihm spricht. Horden von Wallfahrern schleppen sich die steilen Pfade hinauf, dicht an dicht. Vorbei an Nippesläden, die Räucherstäbchen und Plastikhubschrauber verkaufen. Vorbei an Dicken und Reichen, die sich auf Sänften durch die Wälder wuchten lassen. Vier Stunden über Stock und Stein, dann taucht das Tempelareal aus dem dunklen Grün auf. Die goldglitzernde Kuppel des Haupttempels, wo die Figur thront. Die achtzehn geweihten Stufen zum Schrein. Und die Pilgermassen, die vor flammenden Reistöpfen hocken, wartend und erschöpft. Die, die den Gott erblickt haben, lächeln milde und erlöst. Doch für die letzte Errettung werden sie sich morgen noch in die Hügel von Kumily begeben müssen.

Das göttliche Licht

Wie jedes Jahr werden dort die wundersamen Strahlen des Makara Jyoti, des göttlichen Lichts, durch die Dämmerung blitzen. Es ist der größte aller Momente für einen Ayappa. Und wie jedes Jahr werden sie auf den Flanken der Berge hocken, und mehrere Hunderttausend Augenpaare werden nach Südosten starren in Erwartung der heiligen Erscheinung. „Ein Wunder!“, sagt Partharan, den wir im Gedränge zufällig wiedertreffen. Niemand hätte bisher herausgefunden, wie das ominöse Licht entstehe. Kein Wunder jedoch rettete die 51 Menschen, die vor fünf Jahren unter Steinen begraben wurden. Um das Phänomen zu sehen, hatten sich anderthalb Millionen Ayappas in den Bergen von Sabarimala versammelt und dabei einen Erdrutsch ausgelöst.

Als wir aus den Wäldern zurückkommen, steht Saduraj frisch gekämmt vor seinem Taxi. Prustend setzt sich der Ambassador in Bewegung, es wird eine letzte lange Etappe. Tags darauf erreichen wir das Meer. Saduraj fährt über einen Damm auf eine Insel kurz vor Sri Lanka, Rameshwaram. Palmen biegen sich im Wind, Fischerboote ankern in der Bucht, das Wasser spüligrün. Wieder sehen wir Pilger in Scharen, mit Muschelketten in den Händen spielend, und wir sehen Frauen, die das heilige Bad im Meer nehmen und sich den Ozean durch die dicken, schwarzen Haare laufen lassen.

©  Stefan Schomann

Saduraj fährt immer weiter. Über die Landzunge von Dhanuskodi, wo das Land aufhört, bald nur noch ein Zipfel Strand zu sehen ist und dahinter der gleißende Golf von Mannar. Hier draußen steht der letzte Vorposten des Hinduismus, bevor die Haie kommen: Ein zusammengenagelter Bretterverschlag, nur Meter vom Meer, versandet und von Wind umheult. Eine paar Steine sind aufgehäuft, auf dem Boden steht die faustgroße Statue des keulenschwingenden Affengottes Hanuman, der die Menschen vor Dämonen schützen soll.

Es sei ein Tempel der Fischer, sagt Saduraj. Ein kleiner Schrein, improvisiert, ohne Gold und Pomp. Dann verschwindet er in dem heiligen Verhau am Ende der Welt und kniet nieder. Es ist schließlich Sonntag, und in Indien bringen nun mal alle Götter Glück.

 

∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞

 

Abenteuer Indien

Unterwegs in einem ungeheuren Land

 

©  Stefan Schomann

 

Die einen halten es für eine kommende Supermacht, die anderen für das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Indien ist Mythos und Maschine, Alptraum und Sehnsuchtsziel zugleich. Sechs MAGDA-Autoren haben sich in dieses Abenteuer gestürzt.

 

©  Angelika Jakob

Taxi zu den Göttern: Marc Bielefeld fährt unangeschnallt ins Pantheon

 

 

©  Michael Neumann

Bollywood für Anfänger: Gabriel A. Neumann meditiert im Kinosaal

 

 

©  Angelika Jakob

Leben und Sterben in Kalkutta: Angelika Jakob begleitet zwei deutsche Ärzte

 

 

©  Stefan Schomann

Marwaripferde: Stefan Schomann reitet durchs wilde Rajasthan

 

 

©  Stefan Schomann

Sonderzug nach Bombay: Andreas Altmann genießt Indien in vollen Zügen

 

 

©  Tom Dauer

Pilgerfahrt nach Muktinath: Tom Dauer begleitet Wallfahrer in den Himalaja

 

 

∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞∞



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015