"Tschernobyl wird mir immer bleiben"

Wie Nadeschda Lazko als Elfjährige die Atomkatastrophe erlebte

Von Nadeschda Lazko; Interview: Claus Peter Lieckfeld

Nadeschda Lazko (rechts) im Frühling von Tschernobyl mit ihrer Schwester (vorne) und zwei Cousinen

Wie eine große Spatzen- schar hüpften wir vor dem Schulgebäude umher. Es war ein Nachmittag Ende April 1986, ich war elf Jahre alt. Das Wetter war für weißrussische Verhältnisse mild, die Sonne hatte bereits an Stärke gewonnen und trocknete die Pfützen zwischen den Asphaltritzen. Das Warten war für uns schon unerträglich, und zusätzlich machte uns noch diese aufgeladene Frühlingsluft unruhig. In Trainingsanzüge gekleidet hielten wir uns bereit für den alljährlichen "Luftangriffslauf".

Wir, die Fünftklässler der Schule Nummer 26 in Gomel, übten auch für den Fall der Fälle, indem wir einmal im Jahr mit Gasmasken durch unsere Stadt rannten. Ich zwängte mich dann in das enge Gummi, das mir etliche Haare vom Kopf riss, putzte die Glasaugen, bändigte den gewellten Schlauch und steckte den daran befestigten Filter in die grüne Militärtasche. So war es auch an diesem Aprilnachmittag im Jahr 1986. Im Nu waren die Gasmasken vergriffen, und bald standen etwa hundert maskierte Elfjährige hibbelig an der Startlinie. Wir waren bereit, unbeschwert und spielerisch auf unsere Indianerpfade zu gehen, gerüstet für den Fall eines Atomkrieges.

Wir waren Kinder unseres Landes; mit einem Feind zu leben waren wir gewohnt. Mit einem sichtbaren, greifbaren Feind, mit dem unsere fortschrittlichen Ideale, unsere Werte bedrohenden "Westen". Diese Gefahr hielt uns auf Trab, im Zustand der stetigen Bereitschaft, unsere sowjetische Heimat zu schützen. Was wir nicht wussten: Als wir an diesem sonnigen Nachmittag mit dem Schuss der Sportpistole unseren Lauf begannen, war ein anderer Feind bereits da. Trotz unserer Wachsamkeit schaffte er es, uns zu überlisten, uns zu überrumpeln. Am 26. April 1986 explodierte der vierte Block des Tschernobyler Atomkraftwerkes, etwa 120 Kilometer Luftlinie von Gomel entfernt.

Die Regenwolken brachten eine große Menge der radioaktiven Strahlung ins Gomeler Gebiet. Wir liefen durch die staubigen Straßen, gingen trotzdem zur Demonstration am regnerischen 1. Mai...

Wir ahnten, dass die Auswirkungen in Wirklichkeit viel weitreichender waren, als man es uns gesagt hatte. Verunsicherung, Angst und Wut machten sich in den Gesichtern der Menschen breit. Sie marschierten nicht mehr, sie trippelten mit unsicherem Schritt. Kurz nachdem uns die Nachricht erreicht hatte, ertrug ich es plötzlich nicht mehr, den Menschen in die Augen zu sehen...

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MAGDA: Das, was Ihr Text beschreibt, geschah vor 25 Jahren. Sie haben noch in Weißrussland Anglistik und Geschichte studiert, sind mit 22 Jahren nach München ausgewandert, haben Ihren Magister in Englisch und anschließend Karriere als Personalentwicklungstrainerin gemacht, haben als Freie Journalistin gearbeitet und stehen derzeit mit Kabarett- und Theaterstücken auf der Bühne, Ihre Tochter ist vier Jahre alt. Und doch immer wieder Tschernobyl … ein Lebensthema, bei dem es sehr ums Sterben geht.

Nadeschda Lazko heute

Lazko: Tschernobyl wird mir immer bleiben. Vor ein paar Wochen, am 15. März, saß ich im Flugzeug auf dem Weg zu einer Fernsehdiskussion zum 25. Jahrestag von Tschernobyl. Ich las in der Zeitung die aktuellen Berichte zu Fukushima und fand in einem Kasten zum Hauptartikel, laut WHO hätte Tschernobyl nur 56 Menschen das Leben gekostet… 56!

MAGDA: Wenn man sowas liest, möchte man aus dem Flugzeug springen…

Lazko: Es gibt keine exakten Zahlen. Es kann sie gar nicht geben. Aber diejenigen, die von 50.000 bis 80.000 sprechen, liegen wesentlich näher an der Wahrheit.

MAGDA: Sie haben eigene Belege?

Lazko: Nein, Anschauung. Ich bin regelmäßig in meiner Stadt Gomel, besuche Eltern, Geschwister, Freunde. Es wird über Missbildungen und Krebs gesprochen. Und es wird viel geschwiegen. Ich höre von ehemaligen Kommilitoninnen, die missgebildete Kinder zur Welt bringen.

MAGDA: Was für Missbildungen sind das?

Lazko: Ich kann darüber… ich kann darüber nicht mehr sprechen. Es existieren Fotos und Dokumentationen, allein die Bilder sind schwer auszuhalten. Es gibt so viele Fälle, und es hört ja nicht auf.

Nadeschda Lazko ein halbes Jahr nach dem Unfall

MAGDA: Die Stadt Gomel galt und gilt als schwer betroffen.

Lazko: Ja. Rundherum wurden um die 130 000 Menschen evakuiert. Aber eine Halbmillionen-Stadt mit Krankenhäusern, Fabriken, Schulen konnte man wohl einfach nicht evakuieren.

MAGDA: Das heißt, wäre Gomel ein 2000-Einwohner-Dorf, hätte man es evakuiert?

Lazko: Vermutlich.

MAGDA: Wie leben die Menschen mit dieser Katastrophe, die ja immer noch virulent ist?

Lazko: Das deutsche Wort heißt ja doch: Verdrängen. Und es gibt den Alltag. Der ist oft schwer. Die Katastrophe ist nicht mehr im täglichen Bewusstsein, aber sie hängt im Unterbewusstsein fest. Und da ist noch etwas… und darauf bin ich erst gekommen, als ich Weißrussland verlassen hatte. Unsere Mentalität.

MAGDA: Sie meinen die Weißrussische Mentalität?

Lazko: Ja. Es heißt, wir seien die geduldigsten Slaven überhaupt. Geduldig ist aber wohl eine Beschönigung, Man könnte auch sagen: die passivsten.

MAGDA: Eine angeborene Passivität?

Lazko: Es hat viel mit unserer Geschichte zu tun. Weißrussland war in seiner Geschichte immer wieder Schlachtfeld. Lange vor dem Tschernobyl-Trauma gab es schon ein Kriegstrauma. Und die Leute sagen: Alles können wir ertragen, nur nie wieder Krieg!

MAGDA: Haben Sie ein Tschernobyl-Trauma?

Lazko: Zunächst einmal habe ich Glück gehabt. Ich bin gesund. Zum zwanzigsten Tschernobyl-Jahrestag war ich schwanger und hatte schreckliche Angst. Aber meine Tochter ist gesund.

Natürlich hat mich Tschernobyl tief getroffen. Ich habe Jahre gebraucht, um dieses Trauma zu heilen und möglicherweise bin ich noch dabei. Um aus der inneren Starre herauszukommen und sich dem Thema zu stellen, bedarf es viel Mut. Und Bereitschaft zu fühlen. Und da ist diese Angst… und der tiefe Schmerz über den Verlust der geliebten Heimat. Das Land ist so schön – besonders jetzt im Frühling – und eben doch so tief verwundet.

In dem Stück, das wir gerade spielen, greifen wir dieses „Paradise Lost“-Thema auf und versuchen es greifbar zu machen: Eine junge Wissenschaftlerin wird gezwungen, im hochverstrahlten Gebiet Bodenproben zu nehmen, und trifft dort einen alten Mann, der sich hierher zurückgeschlichen hat. Zwischen ihnen entwickelt sich eine tiefe Freundschaft – inmitten der „toten Zone“ schaffen sie sich ihr Paradies im Kontakt mit der wunderschönen, alles überwuchernden Natur…

MAGDA: Die Bilder lügen…

Lazko: Kriegsbilder wirken anders; die schlagen ein: Abgerissene Gliedmaßen, starre Augen! Aber das tote, das tödliche Land um Tschernobyl ist einfach nur... schön. Paradise lost.

Als ich von Fukushima hörte, habe ich nicht zuerst an Strahlenkrankheiten gedacht sondern an Heimatverlust. Ein Aspekt, der wenig vorkommt, wenn über diese Katastrophen berichtet wird. Erde, das Wichtigste und Beste überhaupt, ist plötzlich Feind und Verlust. Dieser Verlust kann uns an die Kernfragen bringen: Wie möchte ich leben? Welche Erde, welche Natur möchte ich meinen Kindern hinterlassen? Wann fange ich an, etwas zu verändern? Hier sehe ich die Chance. Hier fängt die Eigenverantwortlichkeit an und hört das Opfersein auf. Für mich ist klar: Wie Paradise Lost darf nicht der letzte Akt sein.

 

Nadeschda Lazko, 36, kam 1998 als Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung nach München. Sie studierte Englisch und Marktpsychologie und machte eine Ausbildung zur Diplom-Business-Trainerin. Sie arbeitet als Autorin und Trainerin in München.

 


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