Türkische Früchte

Erinnerungen an Ertekins kulinarische Wunder

Von Erdmann Wingert

Ein Tag Deutschland - Porträts aus Köln

Copyright: Wim Woeber & Ralph Wentz / Springer F3

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Als ich Ertekin kennen lernte, war er ein schlanker Jüngling, knapp achtzehn, aber schon mit Gaben gesegnet, die ihm im Hamburg der siebziger Jahre viele Sympathien eintrugen. Zum Beispiel verstand er es, aus Honig und Fliegenpilzen einen sämigen Sud anzusetzen, der erstmals zur Gartenfeier meines vierzigsten Geburtstags gereicht wurde und die Gäste in eine Art somnambulen Taumel versetzte. Am empfindlichsten reagierte unser Hund, der ein paar herum liegende Gläschen ausgeleckt hatte und wenig später mit triefenden Lefzen und glasigem Blick gegen Beine und Bäume torkelte.

Mit den Jahren gewann Ertekin an Umfang und verlor in gleichem Maß seine blonde Haarpracht, so dass er schließlich als Ebenbild des Lieutenant Kojak durchgehen konnte, dem kahlen und gewichtigen, ständig Lolly lutschenden Helden aus der Serie „Einsatz in Manhattan“, die mit fast hundertzwanzig Folgen den Serienrekord des deutschen Fernsehens hält. Ob es an dieser Ähnlichkeit lag, dass Ertekin so beneidenswerte Erfolge bei Frauen erzielte, steht dahin, möglich, dass sein rüder Macho-Charme vorteilhaft gegen den Trend jener Jahre abstach, in denen sich Männer zunehmend in der Rolle von Weicheiern gefielen.

Heute gehört Ertekin zu den Honorationen des Hamburger Stadtteils Ottensen, herrscht als zwei Zentner schwerer Patriarch über eine zwanzig Jahre jüngere Ehefrau, vier Kinder und das „Katelbach“, eines der schönsten Cafes der Stadt. Als er die hundert Jahre alte und bis zur Unkenntlichkeit modernisierte Konditorei übernahm, brauchte er all seine Erfahrung als gelernter Elektriker und Bootsbauer, dazu ein Dutzend Mitglieder seiner Sippe, um das ruinierte Interieur stilecht zu restaurieren. Allein das Rettungswerk am handgeschnitzten Tresen dauerte vier Wochen bis das ehrwürdige Stück von mindestens fünf Farbschichten befreit war.

Versteht sich, dass man an den Marmortischen seines Katelbachs gut isst, auch wenn Fliegenpilze nicht mehr auf der Karte stehen. Aber auf besonderen Wunsch tischt er vielleicht eine Spezialität auf, die damals meine Geburtstagsfeier krönte, nachdem er einen jungen Hammel eigenhändig geschächtet, geschlachtet und am Spieß über dem Lagerfeuer gebraten hatte. Wie es orientalischer Brauch verlangt, wurden mir, dem Hausherrn, in einer kleinen Kasserolle die besten Bissen serviert: zwei zarte Stückchen, die in einer  sahnigen, mit Knoblauch und Rosmarin gewürzten Soße schwammen.

„Nimm schon das zweite Stück, mein Alter“, sagte er, während ich noch ahnungslos an dem ersten kaute. „ Werden dir Manneskraft schenken, die Hammelhoden.“



Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.




 
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