Turbulente Taufe

Wie ein schönes katholisches Fest in Italien zu einem Ränkespiel geriet

Von Sabine Böhne

Copyright: Max Milan Marsalek
Die Illustrationen zu unserer Adventsreihe hat der Cartoonist Max Milan Marsalek exklusiv für MAGDA angefertigt. (Copyright: www.maxm.de)

Es war ein wolkenloser italienischer Augusttag. Blendend weiß leuchteten die Mauern von Santa Maria in der Sonne. Über dem Kirchturm und der dahinter aufragenden Bergkette der Monti Sibillini spannte sich ein tiefblauer Himmel. Die Frauen trugen festliche Sommerkleider, die Männer leichte Leinenanzüge. Friedlich schlummerte die kleine Stella in meinen Armen. Nur Padre Cirillo stand mit bestürztem Gesicht vor der Kirche. Die Sakristei, in der sich der Schlüssel für das Taufbecken befand, war verschlossen. Stella und ihre Gäste, die sogar aus Deutschland zur Taufe ins mittelitalienische Norcia gereist waren, mussten warten.

Norcia ist der Geburtsort des Heiligen Benedikt und die Heimatstadt meines Mannes. Mario steht dem Klerus im Allgemeinen und ihren italienischen Repräsentanten im Besonderen sehr kritisch gegenüber. Das liegt weniger am Wahlspruch der Benediktiner „ora et labora“, bete und arbeite. Es hat vielmehr mit dem bigotten Lebensstil der „norcini“ zu tun. Nur unter einer Bedingung würde er seine Tochter in dieser Mischpoke taufen lassen und seiner Mutter damit einen Herzenswunsch erfüllen: Nicht Don Antonio, der geldgierige und machtversessene Hauptpriester, sondern Padre Cirillo, der Abt des örtlichen Benediktinerklosters, sollte die Zeremonie leiten.

Padre Cirillo war ein gebürtiger Tscheche, der neben der Theologie auch Biologie und Pharmazie studiert hatte. Kurz vor dem Einmarsch der Russen und dem Ende des Prager Frühlings war dieser Universalgelehrte mit seinen Brüdern nach Italien geflohen und hatte in Norcia ein verfallenes Benediktiner-Kloster wieder aufgebaut. „Er nahm für seinen Glauben sogar die Vertreibung in Kauf “, sagte mein Mann anerkennend. Als wir den alten Abt besuchten und ihm unsere Bitte vortrugen, blickte er uns ruhig aus blauen Augen an. Sein ebenmäßiges Gesicht mit dem weißen Bart erinnerte an Sean Connery in „Der Name der Rose“. Taufen, erklärte er, finden nur in der Kirche Santa Maria statt. Die gehöre jedoch zum Amtsbereich von Don Antonio. „Ich kann das nur machen“, sagt er betont langsam, „wenn Ihr mir eine schriftliche Erlaubnis bringt.“

Don Antonio war ein hagerer Mann, der stets in schwarzer Soutane und von einer Alkoholfahne umnebelt durchs Dorf huschte. Seine eng stehenden Augen und die lange Hakennase gaben seinem Gesicht einen verschlagenen Ausdruck. Vor Jahren hatte er mit dem Geld der Gemeinde einen alten Palazzo gekauft, um darin ein Kulturzentrum einzurichten. Das Haus ließ er freilich auf seinen Namen überschreiben und vererbte es schließlich an einen Neffen. So wurde das kirchliche Eigentum auf wundersame Weise in Privatbesitz überführt. Niemals würde mein Mann ihn um irgendeine Erlaubnis bitten.

Ein Fall für meine italienische Schwiegermutter. Sie war eine kleine, resolute Person, die Stella bereits kurz nach der Geburt heimlich in unserer Küche getauft hatte. Sicher ist sicher. Als sich ihr in jenen Augusttagen die Chance bot, ihr erstes Enkelkind noch einmal „richtig“ in die Kirche aufzunehmen, griff sie beherzt zu. Darüber, wieviele italienische Lira sie Don Antonio für die Verzichtserklärung bezahlte, hat sie zwar nie ein Sterbenswörtchen verloren. Tatsache ist jedoch: Nachdem wir ihr von Padre Cirillos Bedingung erzählt hatten, stattete sie Don Antonio einen Blitzbesuch ab. Binnen einer halben Stunde kam sie mit dem geforderten Schriftstück aus der Pfarrei zurück. Der Geistliche unserer Wahl hatte die offizielle Erlaubnis, in Santa Maria eine Taufe zu zelebrieren.

Damit schien alles geregelt. Dachten wir. Bis Padre Cirillo am Festtag völlig entgeistert vor der verschlossenen Sakristei stand. Wir hatten es mit einem kleinen unchristlichen Machtspiel zu tun. Don Antonio hatte die Abmachung ignoriert und den Schlüssel mitgenommen. Was blieb uns anderes übrig, als diesem geltungssüchtigen Heuchler hinterherzurennen und ihn um den Schlüssel zu bitten? Mario tat es nicht. „Noch fünf Minuten, dann nehmen wir Stella und gehen nach Hause“, zischte er seiner verzweifelten Mutter zu.

Der liebe Gott schickte ihr in dieser Sekunde einen Engel. Er kam zufällig in Gestalt von Rino, einem befreundeten Maler vorbei. „Macht euch keine Sorgen, ich kann euch öffnen“, sagte er, nachdem Mario ihm die Situation erklärt hatte. Rino veranstaltete mit seinen anmutigen Landschaftsmotiven gerade eine Ausstellung im Glockenturm von Santa Maria. Da er über Nacht seine Bilder in der Sakristei einschließen durfte, hatte er den Schlüssel zum Allerheiligsten in der Tasche. Diese Form weltlichen Pragmatismus war für unsereinen ebenso erstaunlich wie die Tatsache, dass Rino damals Sekretär der Kommunistischen Partei von Norcia war. Nicht mal das leere Taufbecken konnte die Zeremonie jetzt noch aufhalten. Marios Schwester lief kurzerhand zu einem Friseur in der Nachbarschaft und kam mit einer Thermoskanne voll warmem Wasser zurück.

Padre Cirillo hatte kaum mit der Liturgie begonnen, als eine hagere Gestalt im Gewand eines Messdieners in die Kirche huschte und sich den Weg zum heiligen Becken bahnte. Don Antonio. Seine Augen blickten angesichts der versammelten Taufgesellschaft in „seiner“ Kirche völlig perplex. Trotz seiner Vorkehrungen war es Padre Cirillo gelungen, in die Sakristei zu gelangen und die Zeremonie zu beginnen. Noch gab sich der Hauptpriester jedoch nicht geschlagen. Unverzüglich machte sich daran, dem irritierten Benediktiner zu assistieren. Mario erstarrte. Seine Mutter warf einen flehenden Blick zum Himmel. Padre Cirillo rettete die Situation, in dem er den ungeladenen Messdiener gewähren ließ. Auch wenn sein Gegenspieler inzwischen besserwisserisch mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Zeilen wies, die der alte Abt aus dem Messbuch vorlas. Dabei sein ist alles. Im Himmel wie auf Erden.

Ebenfalls aus dieser Reihe:



Was halten Sie vom Christentum? Rund ein halbes Jahrhundert ist es her, dass eine Anthologie erschien, die einen Schrei der Empörung auslöste. Ihre Titelfrage „ Was halten Sie vom Christentum?“, von Karlheinz Deschner gestellt, veranlasste unter anderen Heinrich Böll, Max Brod, Arnold Zweig und Arno Schmidt zu Antworten, die mit christlichen Werten und kirchlichem Wirken provokativ abrechneten. Alle Jahre wieder bietet die Adventszeit Anlass, diese Frage zu wiederholen. In einer mehrteiligen Serie nimmt sich auch MAGDA in den kommenden Woche dieser Frage an.



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