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Bollywood für Anfänger

Abenteuer Indien (II): Kleine Typologie des Kinos

Von Gabriel A. Neumann

Einmal Parkett bitte, aber nur mit Pullover
Fotos: Michael und Gabriel A. Neumann

Heiße Filme, kalte Kinos

Ich gehe in Indien gerne ins Kino. Allerdings nicht so sehr der Filme wegen. Die DVDs, die ich mir von dort als Erinnerung mitgebracht habe, verstauben im Regal. Auf einer kleinen Mattscheibe mit englischen Untertiteln verlieren die Filme schnell ihren Reiz. Anders ein Kinobesuch in Indien, denn der ist immer wieder etwas Besonderes. Ein paar Widrigkeiten gibt es allerdings zu beachten: „Kauf dir nicht die teuren Plätze oben in der Loge“, hat mir ein Freund einmal geraten. „Da ist weniger los, und das runtergefallene Knabberzeug lockt die Ratten an.“ Ratten? Tatsächlich fand ich einmal nach einem schönen Kinoabend einen aufgedunsenen Kadaver im Rinnstein. Ein anderer Rat lautete: „Nimm dir eine Decke oder eine Jacke mit!“ Ein Kinosaal, der etwas auf sich hält, verfügt über eine Klimaanlage, die die Raumluft gefühlte dreißig Grad unter Außentemperatur hält. Seither achte ich an der Kasse auf zwei Dinge: Ich bestehe auf einer Karte fürs Parkett, die nur ein paar Rupien kostet, und habe einen netten Blick übrig für den Mann in der etwas zu großen Fantasieuniform, der die Tasche mit meiner Jacke und meinem Pulli beäugt. Kinosäle gehören zum öffentlichen Leben und sind so auch potentielles Anschlagsziel. Immer wieder sieht man an den Eingängen urzeitlich wirkende Metalldetektoren und mehr oder weniger aufmerksames Sicherheitspersonal.

Familienbande

Sitze ich erst einmal auf meinem Platz, fällt es mir normalerweise nicht schwer, merkwürdige Geräusche unter und hinter mir (Nagetiere? Eisbildung durch die Klimaanlage? Zündschnüre?) zu ignorieren. Ablenkung ist ausreichend vorhanden: Bereits vor der Werbung und den Trailern wird mir großes Kino geboten. In der Hauptrolle: die Sitznachbarn. Das Genre „Familienfilm“ nehmen die Inder wörtlich, Gruppen von zehn Leuten sind üblich. Leider lässt sich der interne Schlüssel der Sitzverteilung, über Generationen entwickelt, nicht ohne Weiteres mit den Gegebenheiten im Saal in Einklang bringen: Der ältere Sohn will zugucken und braucht deswegen auch vor sich einen freien Platz, muss aber zum Aufpassen in der Nähe der Schwestern bleiben, die unbedingt die Großmutter und die Schwiegertochter in ihrer Mitte haben wollen, die wiederum untereinander das kleine Baby hin- und herreichen, damit es nicht so weint. Vater ist auch da, kann sich aber um die Gruppierung seiner Lieben nicht kümmern, weil er dringend telefonieren muss.

©  Gabriel A. Neumann
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Frauen

Westliche Frauen sind leicht zu haben – diese Botschaft signalisierten bis vor wenigen Jahren viele indische Filmproduktionen. Ein indisches Mädchen dagegen wird normalerweise als tugendhaft, brav und sittsam dargestellt. Ein bisschen mit den Augen zu klimpern oder Spaß an bunten Saris zu haben, das geht in Ordnung. Tabu aber sind das Zeigen von viel Haut, erotische Szenen oder eindeutige Gesten bei Tanzeinlagen. Die Kunst des gerade noch vermiedenen Grenzübertritts wird freilich bis zum Äußersten getrieben. Einen Schritt weiter sind die westlich aussehenden Schauspielerinnen. So scheint es, als seien alle blonden Backgroundtänzerinnen in gürtelschmalen Miniröcken zur Welt gekommen, und als wären sie bereit, diese jederzeit abzustreifen. Allerdings treten immer seltener westliche Frauen in den Tanzszenen auf; gleichzeitig ist auch die Bekleidung der indischen Tänzerinnen deutlich knapper geworden. Für weibliche Hauptrollen gilt nach wie vor: Je erotischer eine Frauenfigur auftritt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie das Happy End nicht erlebt.

Männer

Der indische Leinwandheld ist sportlich, humorvoll, gut gebaut (so mancher Adonis der Leinwand zeigt auch ein bisschen Babyspeck), entscheidungsfreudig – und hetero. Im Hindi-Film kann ein Macho aber auch Tränen vergießen und trällernd über die Leinwand springen, ohne dass die nächste Prügelszene dadurch vom Publikum als unglaubwürdig angesehen würde. Erotische Gefühle sind immer aufs andere Geschlecht gerichtet: Männerfreundschaften sind zwar oft Teil der Handlung, schwule Helden aber waren in Bollywood-Filmen bis vor kurzem undenkbar.

©  Gabriel A. Neumann

Mit Wasserkraft

Das Verbot von Nackedeis und Sexszenen stellt eine Branche, zu deren wichtigsten Themen die Liebe gehört, vor Probleme. Allerdings keine, die  indischen Filmemacher nicht zu lösen wüssten. Anstatt wilde Küsse und blanke Brüste zu zeigen, gehen die Hauptdarsteller baden. Bekleidet, versteht sich. Eine dieser Wet Sari Scenes gibt es in fast jedem Bollywood-Film. Da Wasser als spirituell rein angesehen wird, kann es ja nichts Schlimmes bedeuten, wenn die Kleider der Heldin oder des Helden am Körper kleben. Wie erotisch die Szene wirkt, ist unter anderem abhängig von der Quelle des nassen Glücks: Die Heldin im warmen Regen oder besprüht von einer beleuchteten Fontäne bedeutet pure Romantik. Ein Sturm symbolisiert wilde Leidenschaft. Und findet sich jemand unversehens unter einem Wasserfall wieder, sind der Fantasie des Publikums keine Grenzen mehr gesetzt.

Die Welt als Dorf

Wer indische Städte nur aus Bollywood-Filmen kennt, wird beim ersten Besuch von der Wirklichkeit überrascht sein. Im Film herrscht in der Stadt wenig Verkehr, die Leute kennen sich und sind freundlich zueinander, und sogar der Staub auf den Rikscha-Karosserien sieht sauber aus. Bollywood-Filme wollen sowieso nicht realistisch sein, aber bei den städtischen Kulissen wird die Idealisierung des Lebens auf die Spitze getrieben.

©  Gabriel A. Neumann

Zwei Brüder

Familie ist für den indischen Alltag bestimmend – umso weniger verwundert es, dass Familienbande immer wieder als Vorlage für Bollywood dienen. Ein beliebtes Thema sind Bruderzwiste: Das Schicksal, der Bösewicht oder die Liebe zu einer Frau trennt die beiden, oft schon in der Kindheit. Während der eine verführt wird, gegen Gesetz und Anstand zu leben (oder einfach nur im Ausland), kann der andere keiner Fliege etwas zuleide tun, obwohl ihm das ein ärmliches Dasein beschert. Am Ende gibt es zwei Möglichkeiten: Der Verführte überwindet das Schicksal, schwört dem Bösen ab, gibt die Heldin für die Liebe seines Bruders frei – und wird geläutert in die offenen Arme der zugleich von Armut erlösten Familie aufgenommen. Alternativ findet der Kampf um die Heldin in einer langen Prügelszene zwischen den Brüdern ihren Höhepunkt. Hier nutzt der Verführte nochmals jede Gelegenheit, seinen hoffnungslos verdorbenen Charakter zu beweisen. Schließlich erhält er wie bei einem Gottesurteil seine wohlverdiente Strafe.

Das vertrottelte Dickerchen

Er hat die Rolle eines einfachen Hausangestellten oder des Nachbarn von nebenan: In vielen Hindi-Filmen gibt es eine – meist männliche – Figur, die mit dummen Kommentaren, kindlicher Sprache und einem Hang zu Missgeschicken für Lacher sorgt. Dabei ist sie für den Handlungsverlauf meist unwichtig, oft besteht ihre einzige Funktion darin, ein Gegenklischee zum Helden aufzubauen. Wie Shakespeares Dogberry in Viel Lärm um nichts lockert die Figur die Handlung auf und steuert eine weitere Zutat zum Masala eines Bollywood-Films bei. Prägend für das Phänomen: der Komödiant Johnny Lever. In fast allen seiner 140 Rollen mimte er eine Witzfigur.

Der Vater

Meist ist die Figur des Vaters über Gut und Böse erhaben. Macht ein Vater doch einmal einen Fehler, sind seine Gründe nachvollziehbar. So verhängnisvoll seine Entscheidungen auch sein können, so selbstlos verhält er sich, um seine Familie zu schützen: Ohne Zögern riskiert der Vater eines Helden oder einer Heldin sein Leben. Umgekehrt werden, um das Leben der Vaterfigur zu retten, von den Drehbuchschreibern auch gewagte logische Sprünge in Kauf genommen. Die freilich weder mich noch eine runde Milliarde anderer Bollywood-Fans je davon abhalten werden, gerne ins Kino zu gehen.

©  Michael Neumann

 

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Gabriel A. Neumann ist freier Autor und auch Lektor; er hat sich auf Indien spezialisiert. Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus seinem Buch Masala Highway, das im Frühjahr im Dryas Verlag erschienen ist. Im Rahmen des Hanseatic India Forums liest er daraus am 20. August im Gästehaus der Universität Hamburg.

 

 

 

Das Buch entstand während gemeinsamer Recherchen mit seinen Eltern Edda und Michael Neumann-Adrian, die zusammen mit dem Fotografen Olaf Krüger einen prachtvollen Band über Indiens Heritage Hotels herausgebracht haben (Umschau-Verlag).

 

 

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