Vertrauen lernen in Marrakesch

Ein Land widerspricht seinem Ruf

Von Susanne Fischer

Copyright: kali.ma
Schön, aber gefährlich? Marrakesch bei Nacht. (Foto: kali.ma)

Als ich das erste Mal nach Marokko fuhr, hatte jeder und jede eine Mahnung parat: Pass auf dein Geld auf! Selbst im Brustbeutel ist es nicht sicher. Nimm wenig Bares mit und traue möglichst niemandem. Da laufen lauter Gauner herum, und Du als blonde Europäerin bist leichte Beute. So reiste ich an mit der Erwartung, vielleicht bestohlen, auf jeden Fall aber irritiert und über’s Ohr gehauen zu werden.

 

Unsere erste Station war Marrakesch, Touristenhochburg und somit, nahm ich an, auch Paradies der Schurken und Gauner. Nach langer Irrfahrt durch das Gassenlabyrinth der Altstadt endlich ein Parkplatz! Ich hatte den Motor noch nicht abgestellt, da waren wir bereits von fünf Marokkanern umringt, vier Jungs und ein alter Mann im blauen Kittel, wo kamen die so plötzlich her? "Ici, ici, Madame", riefen sie und winkten mich in eine Lücke hinter einem geparkten Auto, das dann allerdings nicht mehr würde herausfahren können. Skeptisch folgte ich ihren Anweisungen, stieg aus und wollte mit dem Gepäck losstapfen, unser Hotel zu suchen, das irgendwo in einer der tausend Altstadtgassen verborgen lag. "La clé, Madame", rief mir einer der Jüngeren hinterher, "den Schlüssel!"

 

Copyright: kali.ma
Schöner als die Sterne am Himmel: Marrakesch. (Foto: kali.ma)

Den Schlüssel? Ich soll den Schlüssel abgeben und mein Auto bei wildfremden Leuten auf dem Parkplatz lassen? Ich schüttelte den Kopf. Auf keinen Fall. Ich sah mich in Gedanken der Mietwagenfirma in Casablanca erklären, wie mir mein bzw. ihr kleiner weißer Fiat Uno in Marrakesch abhanden gekommen sei. Öhm, da war dieser Parkplatz am Rande der Altstadt, und da waren diese freundlichen Männer, die immerzu riefen "Confiance, Madame, Vertrauen, geben Sie uns den Schlüssel, haben Sie Vertrauen." Ich stellte mir vor, wie ich zum Parkplatz zurückkehrte, voller Vertrauen, nur der Parkplatz, der war leider - leer, und von den freundlichen Männern keine Spur im heißen Staub. Ich hörte förmlich das Lachen des Vermieters, sah sein ungläubiges Kopfschütteln über soviel Dummheit.

 

Mein Kopfkino war in vollem Gang, als ich ein älteres Ehepaar, eindeutig Franzosen, vermutlich auch Touristen, näherkommen sah. Der alte Mann ging auf den Herrn zu. "Ca va?" "Ca va", der Mann griff in die Tasche seines blauen Kittels und gab dem Franzosen einen Autoschlüssel. Seinen Autoschlüssel offensichtlich, denn er nahm ihn, stieg mit seiner Frau ins Auto und fuhr mit dem ebenfalls in zweiter Reiher geparkten Wagen davon.

 

Der Film in meinem Kopf stoppte abrupt. Trotzdem zögerte ich immer noch, als sich ein blauer Kleinwagen näherte, diesmal mit einem jüngeren Paar, das gleich in der Einfahrt hielt, ausstieg, den Wagen einem der Jungs zum Einparken überließ und fortging, ohne sich auch nur einmal umzuschauen. "Monsieur", winkte ich den älteren Mann mit dem blauen Kittel heran, "ici, la clé", nahm meinen Koffer und machte mich auf die Suche nach unserem Hotel.

Copyright: Les Coleurs de L'Orient
Hier lernen skeptische Touristen zu vertrauen.

Das "Les Coleurs de L’Orient" lag nur wenige hundert Meter vom Djeema el-Fna, dem Platz der Enthaupteten entfernt; so nah, dass abends bisweilen Fetzen der Schlangenbeschwörermusik, der Trommler, der Geschichtenerzähler herüberwehten in den gekachelten Innenhof, wo der Gast auf bequemen Diwans ruhen und eine Wasserpfeife zum Thé à la menthe rauchen kann. Eine Oase in der heißen Stadt, von außen nicht einzusehen, nicht zu ahnen hinter der hohen Mauer mit der schlichten Holztür. Ein verborgenes Paradies. Unser Zimmer lag im ersten Stock, mit Blick auf den Innenhof. Fenster mit bunten Glasbausteinen, hohe weiß gekalkte Decken, einen Diwanecke mit Bergen von Kissen, ein großes Bett.

 

Nur eins vermisste ich: ein Schloß an der Tür. Da war ein großer Riegel, der sich vorschieben, aber nicht arretieren ließ. Die Zimmertür offen lassen? Nun gut, vielleicht gab es am Empfang einen Safe. "Est-que vous avez un coffre pour les choses...." Die junge Marokkanerin, die den Pfefferminztee servierte, verstand die Frage nicht. Ich dachte, es läge an meinem rudimentären Französisch. Doch sie verstand die Vokabeln, nicht aber den Sinn an sich meiner Frage. Einen Safe? Wofür? Für die Wertsachen, weil man die Zimmertür doch nicht abschließen kann... "Ah, Sie glauben, jemand ginge in Ihr Zimmer und holte dort etwas heraus? Hier nicht, hier kommt nichts abhanden, wir sind den ganzen Tag da, und das Tor zur Straße ist immer zu.“

 

Die zweite unerwartete Vertrauensprobe. Deswegen nun alle Wertsachen mitnehmen, den Pass, das Geld, die Tickets? Ins Gedränge im Bazaar, am Djeema El Fna, wo es vor Taschendieben nur so wimmeln soll? Lieber ließen wir es drauf ankommen. Und unsere Dinge im Zimmer.

Copyright: Shahram Sharif
Mancher Händler ist besser als sein Ruf.(Foto: Sharif)

Am Nachmittag in der Altstadt die nächste Lektion. „Madame, Madame“ rief mir ein Mann hinterher, als ich durch eine der Gassen ging. Ich drehte mich nicht um, ignorierte das Rufen, wie es mir eingeschärft worden war. Der Rufer ließ nicht locker, schloß mit großen Schritten zu mir auf. Ich dachte, jetzt ist es soweit, jetzt bekommen die Unkenrufer doch noch Recht. „Madame, ich glaube, Sie haben dies vorhin in meinem Geschäft liegen lassen“, er hielt mir eine Papiertüte mit Postkarten hin, die ich in der Tat bei ihm gekauft und bezahlt, aber offenbar nicht eingesteckt hatte. Seither hatte der Ladenbesitzer aufmerksam Ausschau nach mir gehalten, bis ich schließlich am Nachmittag auf dem Rückweg an seinem Laden vorbeilief.

 

Vielleicht hatten wir einfach nur Glück. Doch als wir nach drei Tagen auf dem Parkplatz vor dem Stadttor vom alten Mann, der wieder wie aus dem Nichts auftauchte, unser wohbehaltenes Auto in Empfang nahmen, fühlten wir uns um etwas bereichert, das wir zu Hause nur noch selten finden: Vertrauen.

 



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