Vom Segen des Unglaubens

"Ob Sie’s wollen oder nicht: Sie sind Christ"

Von Erdmann Wingert

Copyright: Max Milan Marsalek
Die Illustrationen zu unserer Adventsreihe hat der Cartoonist Max Milan Marsalek exklusiv für MAGDA angefertigt. (Copyright: www.maxm.de)

Es war der Herzenswunsch des besten Freundes, dass ich Taufpate seines Sohns werden  sollte. Mit kirchlichem Segen und all dem Brimborium. „Gern, mein Lieber“, sagte ich.  „Aber der Pastor wird dir was husten, weil ich bekennender Heide bin.“

Welch ein Irrtum. „Kein Problem“, sagte der Pastor, der mich zu einem Dialog über Gott und die Welt eingeladen hatte.  „Sie sind in diesem christlichen Abendland aufgewachsen, Ihr Fühlen und Denken ist durch und durch christlich geprägt. Ob Sie’s  wollen oder nicht: Sie sind Christ.“

Ich blieb störrisch, räsonierte über Erbsünde, Dreifaltigkeit, jüngstes Gericht und all den heillosen Humbug, der mich belästigt, seitdem ich nicht mehr jeden Abend das Vaterunser  bete, die Hände keusch über der Bettdecke gefaltet. Mit diesem standesgemäßen Lächeln, das ich seit je an Seinesgleichen verabscheue, hörte der heilige Mann zu und schenkte  einen wunderbar samtigen Rotwein ein. „Eine Gottesgabe, nicht wahr!“ sagte er, wo ich doch gerade die christliche Unsitte gegeißelt hatte, die grässlichsten Formen des Leidens zu verherrlichen. „Allein schon dieses  Kreuz!“ rief ich Zorn bebend. „Welch Blasphemie, eine Hinrichtung als Symbol der Erlösung zu deklarieren!“

„Seh’ schon, Sie sind ein echter Protestant “, sagte der Pastor zum Abschied und knipste noch einmal sein scheinheiliges Lächeln an.

Zugegeben, die Taufe in der zweihundert Jahre alten Kirche gestaltete sich zu  einer erhebenden Feier, auch wenn  der Täufling herzzerreißend plärrte, als ihn der Wasserguss traf. Er beruhigte sich unter den Engelstimmen des Kinderchors, der von der Empore herab die Bachkantate „Nun kommt der Heiden Heiland“ sang. Nein, ich schäme mich nicht,  zu gestehen, dass ich dabei mit den Tränen kämpfte.

Davon abgesehen kann mir jede Religion nach wie vor gestohlen bleiben. Da halte ich es standfest mit  dem Glaubensbekenntnis des Georg Christoph Lichtenberg: „Ich dank es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen.“

Ebenfalls aus dieser Reihe:



Was halten Sie vom Christentum? Rund ein halbes Jahrhundert ist es her, dass eine Anthologie erschien, die einen Schrei der Empörung auslöste. Ihre Titelfrage „ Was halten Sie vom Christentum?“, von Karlheinz Deschner gestellt, veranlasste unter anderen Heinrich Böll, Max Brod, Arnold Zweig und Arno Schmidt zu Antworten, die mit christlichen Werten und kirchlichem Wirken provokativ abrechneten. Alle Jahre wieder bietet die Adventszeit Anlass, diese Frage zu wiederholen. In einer fünfteiligen Serie nimmt sich auch MAGDA in den kommenden Woche dieser Frage an.



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