Waldpapier

Ein Fotoessay

Von Dominik Parzinger. Text: Martin Rasper

Copyright: Dominik Parzinger

Jeder kennt sie: die Stapel von Gratiszeitungen, die die Austräger nicht bewältigt haben oder zu faul waren zu verteilen. An Straßenecken liegen sie, in Hauseingängen, manchmal bilden sie kleine Gebirge auf dem Gehsteig. Zuweilen findet sich so ein Stapel mitten in der Landschaft. Hier wird das Achtlose der Tat besonders augenfällig. Hunderte Seiten bedruckten Papiers, die kein Leser je lesen wird. Welche Üppigkeit, welche Verschwendung! Welche - um das Schreckenswort der Marketingleute zu benutzen - Streuverluste!

 

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Die Schichtung der Seiten erinnert einerseits an die Stapel von Furnier, wie sie in Möbelfabriken zur Verwendung bereitgehalten werden - aber auch direkt an die Maserung des Holzes. In der Maserung ist die Art und Weise bewahrt, in der das Holz wächst. Jedes Jahr wird eine neue Schicht angelegt. In guten Jahren eine dickere, in schlechten eine dünnere.

 

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Eine Tektonik wie ein Faltengebirge. Welchen Kräften das Paket ausgesetzt war! In dem Umbruch, in dem die gedruckte Zeitung sich befindet, geraten die Falten zur Metapher für die Verwerfungen des Marktes - mehr als die anderen Verweise, die das Zeitungspapier anbinden an das Holz, aus dem es entstanden ist: das Blatt, das papierene wie das am Baum; das Rascheln im Wind und das mit der Zeitung; schließlich das Rauschen im Blätterwald, das stets ertönt, wenn ein Ereignis Wind macht.

 

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Die Zeitung ist per Definition und Selbstverständnis ein Massenprodukt. Was geschieht, wenn sie es nicht mehr ist?

 

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Auf dem Falz der Bögen und auf der Oberseite des Stapels sind Buchstaben, Worte und Bilder zu erkennen. „in allen…“;  „Marktk…“;  „…ültig vom 5.5. bis 10.5.2008“;  „Ausle…“; „Tomato K…chu“;  ein Foto zweier Kinder; eine Werbung für „Harmonie“-Kaffee. Sie erinnern daran, wie wenig selbstverständlich es ist, dass etwas Gedrucktes tatsächlich gelesen wird. Ein Memento mori: Diese Seiten wurden geschrieben, layoutet, gesetzt, gedruckt, gefalzt, gebunden – um schließlich im Wald zu landen. Sicher, ein Großteil der Auflage wurde wahrscheinlich ordnungsgemäß ausgetragen, die Artikel gelesen, Anzeigen beachtet, Veranstaltungshinweise registriert. Aber dies hier ist der Teil der Auflage, von dem man weiß, dass es ihn gibt, den man aber normalerweise nicht zu Gesicht bekommt. Das Vergebliche.

 

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Diese Fetzen Lesbarkeit laden aber auch zum genauen Hinsehen ein – und zur Spekulation. Unter dem Wort „Harmonie“ steht etwas, das „Naturma…“ bedeuten könnte. Naturmalz? Ist es also gar kein richtiger Kaffee, sondern Malzkaffee? Sind deswegen oben die Kinder abgebildet? Hier, auf der einzigen Seite des Stapels, auf der wir Leser sein dürfen, sind unserer Lesefähigkeit extrem enge Grenzen gezogen; gleichzeitig dürfen wir hier unsere Fantasie spielen lassen. Wie gern würde man das Kinderfoto aufblättern, um zu erfahren, was dahinter steht, unter dem Gültigkeitsvermerk. Leicht vorstellbar, man fände so einen Stapel im Wald und würde ihn tatsächlich aufblättern, würde hängenbleiben an einem Veranstaltungshinweis eines Stadtfestes, einer Filmvorführung, eines Konzertes – oder einem Bericht über die Einweihung einer Kindertagesstätte ... dann hätte die vergebliche Publizistik doch noch einen zusätzlichen späten Leser gefunden, allerdings völlig nutzlos. L’Art pour l’art.

Ein Freund berichtet, er sei einmal beim Wohnungsrenovieren, beim Auslegen des Fußbodens mit alten Zeitungen, auf einen mehrere Jahre alten Vorbericht des Bundesliga-Spitzenspiels zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund gestoßen, der so geschickt zugespitzt war und derart dramatisch schildete, was für die Kontrahenten jeweils auf dem Spiel stand (die Tabellenführung, eine Serie von zehn Heimspielen ohne Niederlage, die Qualifikation für die Champions League, das Schicksal des Trainers…), dass er noch im Nachhinein unbedingt erfahren musste, wie das Spiel ausgegangen war. Er setzte sich an den Computer und brauchte eine Viertelstunde, um es herauszufinden – das Ergebnis eines seit Jahren vergangenen Fußballspiels, das ihm ansonsten völlig wurst gewesen wäre. Das ist Journalismus!

 

Copyright: Dominik Parzinger

Das gedruckte Wort geht den Weg alles Irdischen. Die Feuchtigkeit des Waldbodens durchdringt das Papier an der Unterseite des Stapels. Pilze und Mikroben beginnen ihr Werk. Die Seiten, die niemand gelesen hat, beginnen zu verwesen. Aus dem Papier, das einmal Holz war, wird Boden - und irgendwann wieder Holz. Ein ewiger Kreislauf. Der hier allerdings angereichert wird (oder gestört, je nach Sichtweise) durch das naturfremde Element des nicht verrottenden Kunststoffbandes. Auch das hat seine Symbolik: Ein echtes Recycling hat der Mensch bisher kaum hingekriegt.

Irgendwelche Spuren hinterlassen wir immer.

 

 



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