Weihnachtsschmaus in Jerusalem
Wie ein altgedienter Nahost-Korrespondent kulinarische Völkerverständigung betreibt
Ulrich Sahm, der „Dinosaurier der Israel-Korrespondenten“ (Henryk M. Broder), berichtet seit 1970 für deutsche Medien aus Jerusalem. Für MAGDA machte er seine Küchentür einen Spalt weit auf. Ein Bericht von der Kochfront, zwei Grad links vom Stern von Bethlehem
Das Weihnachtsfest bei Familie Sahm in Jerusalem ist längst zur Institution geworden, die dem Mitternachtsgottesdienst in der Geburtskirche in Bethlehem ernsthafte Konkurrenz macht. Eine zerrupfte Pinie, spendiert vom Jewish National Fund, dient als Tannenbaum. Darunter eine Krippenfigur aus echtem Plastik, made in China, erworben beim „Fest der Feste“ in Haifa. Die Gäste sind Multikulti, also Juden, Christen und Moslems. Der Ablauf entspricht (fast) dem Heiligen Abend wie im trauten Elternhaus in Deutschland. Die Gäste bringen ihre Geschenke selber mit, versehen mit Namensaufklebern, und legen sie durcheinander unter den Weihnachtsbaum. Später teilen die anwesenden Kinder sie aus.
Ein Glöckchen läutet. Der Hausherr liest Lukas 2 – aber auf Jiddisch, damit ihm niemand missionarischen Eifer vorwerfen kann: „Un es is gewän in der Zeiten fun Kaiser Oigustus, do is aroisgegangen a Baffel...“. Eine Jüdin gibt die „jüdische Version“ der Empfängnis Marias aus einer mittelalterlichen Polemik wider, während der Moslem in der Runde aus dem Koran berichtet, wie man in Nazareth meinte, dass Maria mit ihrem „Seitensprung“ Schande über ihre Familie gebracht habe.
Es folgt das Festessen: Da steht erst einmal „Zaatar“ bereit, ein arabisches Mischgewürz mit Sesam, Salz, Paprika und vor allem Ysop. Genau darin wurde der Schwamm mit Essig getunkt, der Jesus am Kreuz gereicht wurde. Fladenbrot, frisches Olivenöl und Zaatar sind Köstlichkeiten, die an Weihnachten nicht fehlen darf, wie selbstgemachte Spekulatius- Plätzchen und Zimtsterne. Doch ausgerechnet die schmecken – das offenbarte ein vorweihnachtlicher Test – in diesem Jahr etwas fad. Weil es den israelischen Rindviechern bei rund 27 Grad Anfang Dezember zu warm war, produzierren sie keine fette Milch. Seit Wochen gibt es keine Butter, sondern nur Margarine mit Buttergeschmack. Das ist kein guter Ersatz.
Gut aber wie in jedem Jahr: Kubane, das jemenitische Sabbatbrot. „Du sollst am Sabbat ruhen“, heißt es, seitdem Gott sich am siebten Tag von den Anstrengungen der Schöpfung ausgeruht hat. Nebenbei angemerkt: inzwischen hat alle Welt diese ursprünglich jüdische Idee der Sieben-Tage-Woche übernommen.
Feuer machen und Kochen ist Arbeit. Aber einen noch warmen Ofen ab Freitag alleine arbeiten zu lassen, ist keine Sünde. Also wird ein normaler Hefeteig ballweise in einen Spezialtopf mit flüssiger Margarine gehäuft. Der Deckel des Aluminiumtopfes ist so gestaltet, dass kein Dampf entweichen kann. Und so kann man problemlos Brot oder auch Eier in Wasser ganze 24 Stunden bei niedriger Temperatur (etwas unter 100 Grad) backen und erhält ein weiches, braunes Brot mit erdigem Geschmack.
Dazu weichen wir über Nacht gemahlenen Bockshornklee ein. Mit Zitronensaft und Kräutern sowie Gewürzen ergibt das eine sehr gesunde jemenitische Paste als Dip. Bockshornklee scheint im deutschen Mittelalter sehr beliebt gewesen zu sein. Der lateinische Name foenum-graecum bedeutet „griechisches Heu“. Weitere Namen sind Kuhhornklee, Ziegenhorn, Hirschwundkraut, Rehkörner, feine Grete, Filigrazie, Schöne Margreth, Siebenzeiten, Stundenkraut, Methika und Philosophenklee.
Es gibt noch weitere typische Speisen. Wie das biblische Gericht „Zicklein in der Milch seiner Mutter“ zubereitet wird, werden wir bei anderer Gelegenheit beschreiben. Weil es in biblischer Zeit eine „Götterspeise“ war, machten die Juden daraus das strikte Verbot, Fleisch mit Milch zu verspeisen. Sie stellen sogar separates Geschirr und Besteck für „Milchiges und Fleischiges“ bereit.
Und wo wir schon bei Weihnachten und der Bibel sind, wollen wir wenigstens eine sensationelle Entdeckung erwähnen, die uns die Bibel vorenthalten hat. Das Linsengericht des Esau war rot – möglicherweise, wenn nicht gar wahrscheinlich!
Wie das? Jeder kennt schließlich die graue Pampe aus grünen Linsen. Niemand hat daraus bisher ein rotes Gericht gemacht und Tomatenkonzentrat gab es in biblischen Zeiten noch nicht.
Weshalb Medschadara, das „Arme-Leute-Essen“, gleichwohl rot gewesen sein könnte, offenbarte uns ein Versehen (übrigens die Quelle vieler origineller Gerichte). Wir bereiten Medschadara immer im japanischen Reiskocher. Eines Tages hatte meine Frau Varda vergessen, abends den Stecker für den Topf aus der Steckdose zu ziehen. Das patente Gerät hält den Reis ganz sanft in perfekter Temperatur warm. Und siehe da, am nächsten Tag hatten Pigmente der Linsen den Reis purpurrot gefärbt. Nun berichtet die Bibel zwar nichts von japanischen Patentkochern, aber den Küchen-Kunstgriff, Gegartes lange zum späteren Verzehr warm zu halten, dürfte Jahrtausende alt sein.
Zum optisch aufgewerteten Standard gibt es scharf angebratene Zwiebeln und einen großen Löffel kaltes abgehangenes Joghurt. Das ist wahrhaft eine echte Götterspeise.
Und zum Schluss ein kleines Gewinnspiel:
Nicht nur bei Juden gibt es Speisen, die verpönt sind, weil sie bei den Heiden „Götterspeisen“ waren. Das Phänomen gibt es auch bei deutschen Christen. Welches Lebensmittel ist in Deutschland, im Gegensatz zu einigen angrenzenden Ländern, als Folge der Christianisierung verpönt, eben weil es bei den heidnischen Germanen eine geheiligte Speise war? Wer die Antwort weiß, erhält von mir mein privates Kochbuch als Datei zum Selbstausdrucken zugeschickt.
Einsendeschluss: 24.12.2010 (an Ulrich(at)Sahm.com). (Wer die Lösung erst zu Epiphanias, Ostern oder Pfingsten einschickt, erhält das Kochbuch als Trostpreis.)
Im Kochbuch gibt es Anleitungen zu weiteren Speisen unseres Weihnachtsbuffets, so zum Beispiel Hühnchen in Tomatensauce mit Oliven und Kichererbsen oder chinesische Hühnerflügelchen mit Ingwer und Honig.
Buchtipp: Alltag im Gelobten Land
Und im Januar 2011 ist Ulrich Sahm wieder auf Vortragsreise in Deutschland.
Artikel empfehlen
NEU
Was gut tut





