Werde, was Du bist!

In seinem neuen Buch"Die selenlose Gesellschaft" analysiert Till Bastian ein Grundproblem unserer Zeit

Von Claus Peter Lieckfeld

Copyright: Dominik Baur
"Psyche" nannten die Alten Griechen den Schmetterling, was auch so viel bedeutete wie "Hauch" oder "Atem" - beides sehr flüchtig, aber unverzichtbar (Foto: Echino/pixelio.de)

Herr Bastian, „Seele“ ist für viele ein altertümlicher Begriff. Etwas, an dessen Existenz man glauben kann oder auch nicht. Wenn Sie in Ihrem neusten Buch von „seelenloser Gesellschaft“ sprechen, legen Sie ein Verständnis zugrunde, dass …

Die Seele ist das Wirkungsgefüge aus inneren Regulationsmechanismen, ein Gefüge, das uns zur Daseinsbewältigung zur Verfügung steht – es umfasst kognitive Funktionen …

… wie zum Beispiel?

… zum Beispiel: Gedächtnis, Affekte und Phantasie, aber auch all das, was die Psychoanalytiker „Abwehrmecha-nismen“ und die Verhaltenstherapeuten „Coping-Strategien“ nennen. Die Seele hat keine Struktur, aber sie stellt sich als ein Ensemble von Abläufen dar, die auch in Widerspruch zueinander geraten können, etwa bei einem Konflikt von Neigung und Gewissen Etwa: Darf ich die Partnerin meines besten Freundes verführen? Näheres dazu in meinem Büchlein „Die Seele als System“.

Sobald man sich diesem Komplex zu nähern beginnt, wird man auf das Seele/Körper-Ganze verwiesen, was die Sache nicht gerade einfacher macht.

 

Arzt, Psychotherapeut und Autor: Till Bastian. (Foto: Lieckfeld)

Die Seele – so wie ich sie oben zu definieren versucht habe - steht in ständiger Wechselwirkung mit unserem Körper. Wir erröten aus Scham, uns wird heiß vor Wut, die Knie schlottern vor Angst,– da sagt der Volksmund sehr richtige Sachen. Einer der wichtigsten Risikofaktoren für eine koronare Herzkrankheit und damit auch für einen Herzinfarkt ist eine seelische Einstellung, die man als „äußerlich angepasst, innerlich feindselig“ beschrieben hat.

Und schuld ist …?

Reden wir von Verursachung und starker Mitschuld: Das „sekundäre System“, die Technik, schiebt sich zwischen den Menschen und seine natürlichen Lebensgrundlagen – man könnte auch sagen, es entfremdet ihn, lässt sie ihm fremd werden. Durch die Klimaanlage wird uns der Wechsel der Jahreszeiten fremd, durch die künstliche Beleuchtung die Tageszeit, durch das Warenangebot der Supermärkte die Fruchtbarkeit der Landschaft, in der wir leben.

Mit diesen Feststellungen – die ja zweifellos richtig sind – fährt man doch vor eine Wand, auf der >>Technikfeindlichkeit<< oder >>Spätromantiker<< steht …?

Die Wirklichkeit ist nun aber alles andere als freundlich oder romantisch. Technik macht nicht nur dick (selbst das Garagentor öffnet sich ja heute per ferngesteuertem Elektromotor – mit entspre-chenden Folgen für unsere Leibesfülle), sie lässt auch unser Seelenleben verarmen. Dieses „sekundäre System“, wirkt wie eine Vakuumpumpe, wie ein „Exhauster“. Es saugt aus unserem Seelenleben jene Funktionen heraus, die sich der Mensch in Jahrtausenden der Menschwerdung mühsam angeeignet hatte.

Welche?

Viele. Aber vor allem die Fähigkeiten zur Selbstregulation und zur Bewältigung innerer Konflikte. So werden wir seelisch immer ärmer. Und zugleich werden wir immer stärker „außengesteuert“ – „directed by the others“, wie es der berühmte Soziologe David Riesman schon in den fünfziger Jahren in seinem Bestseller „Die einsame Masse“ konstatiert hatte.

Und das Gegen-Tonikum wäre … Natur? Zurück zur Natur?

Nein, mit Rousseau habe ich nichts am Hut, und eine „unberührte“ Natur gibt es sowieso nicht mehr. Wir sollten uns über unser Innenleben Gedanken machen. Meinetwegen könnte man auch von unserer „inneren Natur“ sprechen, aber auch diese Redewendung ist missverständlich. Wir sollten uns im Klaren sein darüber, dass wir zu dem, was wir sind, geworden sind, als unsere Vor-fahren in kleinen Gruppen als Jäger und Sammler durch die Savannen wanderten. Damals, in der Zeit vor der „neolithischen Revolution“ (also vor der „Sesshaftwerdung“ vor rund zehntausend Jahren) waren die Zeitbudgets für Arbeit und Spiel genau anders herum verteilt als heute: Nur einige wenige Stunden wurden darauf verwendet, sich den Lebensunterhalt zu verschaffen, der Rest des Tages stand für Schwatzen und Spielen, für das Gemeinschaftsleben zur Verfügung. Das älteste erhaltene Musikinstrument, eine 2008 auf der Schwäbischen Alb gefundene Flöte, ist über 30.000 Jahre alt. Ist das nicht phantastisch? Der Mensch ist ein kreatives, verspieltes „Gemeinschaftstier“ – die Losung „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ ist hingegen eine recht neue Idee. Trotzdem haben wir zugelassen, dass sie unseren Alltag dominiert.

Das ist wohl nicht strittig. Die Sportindustrie bietet ja jede Menge Vakuumfüller an.

 

Till Bastian: Das Verhältnis von Spiel zu Arbeit hat sich auf dramatische Weise umgekehrt

Nicht unbedingt Sport, denn das, was darunter heute verstanden wird, steht ja auch unter dem Diktat des Leistungsprinzips – aber auf jeden Fall mehr Bewegung, und zwar nicht auf dem Heimtrainer, sondern draußen, im Wald, im Gebirge... Dort werden nur „Ich-Leistungen“ von uns gefordert, zum Beispiel: Aufmerksamkeit, Konzentration, Körperbeherrschung. Aber wir müssen nichts erklären, nichts begründen, uns nicht rechtfertigen. Das Über-Ich hat mir „draußen“ nichts zu sagen. Auch deshalb fühle ich mich so gut erholt, wenn ich von einer Bergwanderung zurückkomme.

Und wo all das fehlt, beginnt die schiefe Ebene, der Rutsch in die Krankheit ?

Ich habe in meinem Buch ein  Syndrom schwerer sozialer Stagnation beschrieben, das ich in der Tat immer häufiger beobachte. Eine improvisierte Umfrage bei anderen TherapeutInnen hat ergeben, dass ich damit keineswegs alleine stehe.  Dieses Syndrom ist gekennzeichnet durch:

- eine allgemeine Adynamie (Kraftlosigkeit), die sich vorrangig verwirklicht in der Unwilligkeit und/oder Unfähigkeit, die eigene Lebensgestaltung angemessen zu organisieren – bei mehr oder minder deutlicher Tendenz zur allgemeinen Verwahrlosung;

- eine dem äußeren Anschein nach freiwillig gewählte, tendenziell wachsende Abhängigkeit von versorgenden Institutionen oder Personen – insbesondere von den Eltern;

- eine suchtartige oder suchtähnliche Tendenz zum exzessiven Aufenthalt in virtuellen Welten (Computerspiele, „soziale“ Netzwerke etc. etc.);

- eine oft sehr weit gehende Abkoppelung vom sozial üblichen Tag-Nacht-Rhythmus.

Man kann sich darüber streiten, ob hier der Begriff „Krankheit“ verwendet werden soll. Jedenfalls handelt es sich um eine Entwicklung, die ich mit großer Sorge beobachte.

Diese Krankheitsbilder kann man als Seelenschäden messen, so wie …

Moment, messen lässt sich die Seele nicht. Was die Hirnforscher messen, sind ja im Grunde sehr allgemeine, banale Parameter, etwa die Durchblutung bestimmter Hirnareale oder der dortige Glucose-Stoffwechsel. Diese Parameter werden dann in komplizierten Verfahren zu den allseits bekannten bunten Bildern umgerechnet, und aus diesem wiederum werden dann höchst gewagte Schlussfolgerungen gezogen. Das ist so, als würde man mit einer Wärmebildkamera einen Computer fotografieren, feststellen, wo in der Kiste die höchsten Temperaturen herrschen – und daraus dann schließen wollen, welches Spiel der Computerbesitzer gerade spielt und welche Strategie er dabei verfolgt. Pseudowissenschaftlicher Unsinn – aber der Kampf um Forschungsgelder wird eben mit harten Bandagen durchgefochten...

Zum globalen Sieg des Computers, nebst Internet und Spielen: Sie schreiben in Ihrem Buch von Flucht aus der Realwelt und vom Syndrom des  „ungelebtem Lebens“

Der Gefahr des ungelebten Lebens entgeht man am besten durch die konsequente Befolgung des Wahlspruches „Werde, was du bist“, der von dem vor rund 2500 Jahren geborenen griechischen Dichter Pindar stammt. Der hat auch gesagt: „Liebe Seele, strebe nicht nach Unsterblichkeit, sondern schöpfe deine Möglichkeiten aus!“. Und ein ebenso guter Wahlspruch ist „Vereinfache dein Leben!“ Das hat  - sich auf ältere Vorbilder stützend – so schon der vor 150 Jahren, am 6. Mai 1862, gestorbene amerikanische Lehrer Henry David Thoreau geschrieben, bei dem nachzuschlagen ebenfalls höchst lohnenswert ist. Thoreau hat auch den Begriff des „zivilen Ungehorsam“ („civil disobedience“) geprägt, der dann später bei Mahatma Gandhi und bei Martin Luther King eine bedeutende Rolle spielt.

Sie sagen Wahlspruch, nicht Ratschlag?

Ich muss keine Ratschläge geben, weil ich glaube, dass alles Nötige, alles Richtige schon längst gesagt ist – und das mehr als einmal. Wir müssen es „nur“ ernst nehmen, müssen uns „nur“ davon  bewegen lassen. Und das ist eine Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss. Aber einen kleinen Hinweis möchte ich mir doch nicht versagen: Die meisten, die so handeln, fühlen sich hinterher deutlich besser. Aber meine Erfahrung lehrt mich natürlich auch, dass solche Hinweise bei Suchtkranken meist nur wenig fruchten. Nun, wir werden ja sehen... Als Schriftsteller habe ich jedenfalls meine Möglichkeiten genutzt, und auf die Unsterblichkeit pfeife ich sowieso.

 

Till Bastians Buch „Die Seele als System“ (224 Seiten, € 24,95) ist bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen.

 

 

 

 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen

NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015