"Da war es kalt und finster"

Klimawandel und Romantik

Von Walter Mayr

© Walter Mayr
"Drei Sonnen sah ich am Himmel stehen / Hab' lang' und fest sie angesehn; / Und sie auch standen da so stier, / Als könnten sie nicht weg von mir." (Die Nebensonnen)
(alle Fotos: Walter Mayr)


„Ohne Glaubwürdigkeit!“ So konstatiert Thomas Mann 1948 in seinem Tagebuch, nachdem er zuvor sein musikalisches Tagespensum verzeichnet hat: „Lieder aus der Winterreise, höchst merkwürdig, bitter, verzweifelt und sehnsüchtig.“

In dieser dürren Notiz finden sich all die Vorbehalte ausgesprochen, die bis heute die Rezeption der Winterreise, jedenfalls die der dichterischen Vorlage Wilhelm Müllers, begleiten. „Erstklassige Musik zu zweitklassiger Lyrik“ ist da schon mal zu hören. Oder: „Nur ironisch zu verstehen.“ Bis hin zu: „Erguss eines jungen Dichters, der mit seinem Hormonhaushalt nicht klar kam.“ Die vielleicht schärfste Abfuhr kam von Goethe, der das böse Wort von der „Lazarett-Poesie“ prägte.

Nun hielt die Jugend des 1794 als sechstem von sieben Kindern einer Dessauer Schneidersfamilie geborenen Dichters zur Genüge traumatische Erfahrungen bereit. Als er gerade drei Jahre alt war, lebte keines seiner Geschwister mehr; dem 14jährigen starb die Mutter. Mit 19 verliebte er sich unglücklich in eine Brüsseler Jüdin - doch eine Verbindung mit ihr schien konfessionell unmöglich.

Eine Spur der Not, so heißt es, durchzog seine jungen Jahre. Diese Not war jedoch kein tragischer Zufall und erst recht kein Einzelfall. Sie resultierte vielmehr aus der alles bestimmenden Unterströmung der Epoche. Versuchsweise möchte ich deshalb aus einer neuen Perspektive einen Blick auf den Beginn des 19. Jahrhunderts werfen.

Katastrophe in Fernost

Am 10. April 1815 erschütterte eine ungeheure Explosion den Indonesischen Archipel: Der 4300 Meter hohe Vulkan Tambora auf Sumbawa brach aus. Noch 2000 Kilometer entfernt soll diese Explosion zu hören gewesen sein. Heute, in Kenntnis der arktischen Eisbohrkerne, wissen wir, dass dies der größte Vulkanausbruch der letzten 10.000 Jahre war. Er zeitigte weltweit verheerende Folgen. Gigantische Aschenmengen und Aerosolpartikel, die bis in die Stratosphäre geschleudert wurden, bewirkten vielerorts einen Temperatursturz um drei bis vier Grad.

1816 ging dann als „das Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Es brachte die kältesten Sommermonate seit Menschengedenken. Rund um den Globus kam es zu Missernten. Vor allem in Europa hatte dies Auswanderungswellen, Hungerkrisen und Aufstände zur Folge. Denn der Kontinent hatte gerade erst ein „Jahrhundert des Hungers“ mehr schlecht als recht überstanden. In seiner „Kulturgeschichte der Ernährung“ schreibt der italienische Historiker Massimo Montanari über das ausgehende 18. Jahrhundert: „Die Bevölkerung wächst mit rasender Geschwindigkeit, Hungersnöte treffen sie in regelmäßigen Abständen. Allerdings soll dies nicht heißen, dass die Menschen hätten verhungern müssen. Wir stehen vielmehr einem verbreiteten Unwohlsein, einem Zustand permanenter Unterernährung gegenüber, der sozusagen physiologisch und kulturell als normale Lebensbedingung assimiliert wurde.“ (Massimo Montanari: Der Hunger und der Überfluß).

 

„Ich such' im Schnee vergebens / Nach ihrer Tritte Spur, / Hier, wo wir oft gewandelt / Selbander durch die Flur. / Wo find' ich eine Blüthe, / Wo find' ich grünes Gras?“ (Erstarrung)

Europa unter Druck

Der Erdteil war somit seit Jahrzehnten durch Mangelernährung gestresst. Diese Hungertradition zog gravierende politische und kulturelle Umwälzungen nach sich. Es war der Hunger, der die Legitimität der herrschenden politischen Klasse so massiv unterhöhlte, dass sich Frankreich 1789 mit der Revolution seiner Elite entledigte. Allerdings hatte das Hungern danach noch lange kein Ende. Im Gegenteil, die schlimmsten Jahre standen noch bevor. Die Verheerungen der Napoleonischen Kriege kamen nur erschwerend hinzu - doch das Klima selbst wirkte bereits wie der Einfall eines feindlichen Heeres.

Die erwähnten Eisbohrkerne weisen bereits für 1809 den Ausbruch eines bisher nicht identifizierten Vulkans nach, dessen Partikel als Verursacher schwieriger Zeiten vollauf genügt hätten. Die sechs Jahre später folgende Explosion des Tambora verschärfte die ohnehin schon heikle Situation dann noch einmal dramatisch. Anormale Klima- und Witterungsverhältnisse häuften sich in nahezu apokalyptischer Manier: „Drei Sonnen sah ich am Himmel stehen“ meldet ein verzweifeltes Ich in Müllers Gedicht Die Nebensonnen.

In Europa war der Raum nördlich der Alpen besonders stark betroffen. 1817 kostete Getreide viermal mehr als 1815. Aus den Kirchenbüchern des schweizerischen Aargau lassen sich die fürchterlichen Folgen dieser Preisexplosion herauslesen: Im Winter 1816/17 starben dort etwa dreißig Prozent der Bevölkerung. Sie dürften infolge der Mangelernährung so geschwächt gewesen sein, dass sie die Belastungen des harten Winters nicht überstanden.

 

© Walter Mayr
"Krähe, wunderliches Tier, / Willst mich nicht verlassen? / Meinst wohl bald als Beute hier / Meinen Leib zu fassen?"
(Die Krähe)


Hunger und Hysterie

Wie sehr die Hungerbedrückung die Menschen peinigte, zeigt auch ein Hinweis, den Wolfgang Behringer in seiner „Kulturgeschichte des Klimas“ gibt. Demnach waren die antisemitischen „Hepp-Hepp-Krawalle“ von 1819, die von Augsburg ausgehend in wenigen Wochen auf viele Städte Deutschlands übersprangen, auf die andauernden Versorgungsnöte in Folge der Kälte zurückzuführen.

Die aufgeklärten Schichten Deutschlands standen diesem Rückfall in eine mittelalterliche Massenpsychose ratlos gegenüber. Betrachtet man diese Ereignisse aber in Verbindung mit den erlebten Hungerkrisen, zeigt sich, dass wieder einmal ein Sündenbock gefunden werden musste. Denn die Ursachen dieser drastischen Verschlechterung der Lebensbedingungen waren den Menschen damals sowohl unbekannt als auch unvorstellbar. Erst 1920 erkannte der amerikanische Forscher William Humphreys einen Zusammenhang zwischen vulkanischen Aktivitäten und klimatischen Veränderungen.

Bis sich die Klimawerte wieder dem statistischen Mittel näherten, vergingen noch mehrere nahezu sommerlose Jahre, von denen 1821 dem Jahr 1816 in nichts nachstand.

Stimmen aus der Eiszeit

Erinnern wir uns an Montanaris Hinweis, wonach Mangelsituationen auch kulturell assimiliert werden. Und wenden uns mit geschärftem Blick wieder Wilhelm Müllers „Winterreise“ zu. Er begann diesen Zyklus 1821, im letzten Katastrophenjahr. Zeitnah reflektiert er darin die klimatischen Anomalien jener Ära. Denn wahrhaftig, es war „kalt und finster“, wie es nicht von ungefähr in dem Gedicht Frühlingstraum heißt. Und Sätze wie „Auf einen Totenacker / Hat mich mein Weg gebracht“ (Das Wirtshaus) besitzen durchaus dokumentarischen Charakter.

Traumatische Bilder wie aus dem Stück Erstarrung spiegeln die Lebenserfahrung einer ganzer Generation: “Ich such im Schnee vergebens / Nach ihrer Tritte Spur … Ich will den Boden küssen, / Durchdringen Eis und Schnee … Wo find ich eine Blüte, / Wo find ich grünes Gras?“

 

„Drüben hinter'm Dorfe / Steht ein Leiermann, / Und mit starren Fingern / Dreht er, was er kann. / Barfuß auf dem Eise / Wankt er hin und her“ (Der Leiermann)

Krisenreport

In Gefrorne Tränen versucht Müller eine Parallelführung des strengen Winters mit seinen Seelennöten: „Gefrorne Tropfen fallen / Mir von den Wangen ab: / Ob es mir denn entgangen / Daß ich geweinet hab … Und dringt doch aus der Quelle / Der Brust so glühend heiß, / Als wolltet ihr zerschmelzen / Des ganzen Winters Eis.“

Diese romantische Verschränkung von Natur- und Seelenlandschaft variiert er in Auf dem Flusse: „Der du so lustig rauschtest, / Du heller, wilder Fluß, / Wie still bist du geworden, / Gibst keinen Scheidegruß. / Mit harter starrer Rinde / Hast du dich überdeckt, / Liegst kalt und unbeweglich / Im Sande ausgestreckt … Mein Herz, in diesem Bache / Erkennst du nun dein Bild?“

 

„Wie still bist du geworden, / Gibst keinen Scheidegruß!“
(Auf dem Flusse)


Müller selbst starb 1827 an Keuchhusten. Er wurde nur 33 Jahre alt - Schubert, der im darauffolgenden Jahr starb, sogar nur 31. Es klingt wie auf sie gemünzt, was Goethe 1831 im Gespräch mit Eckermann über junge Künstler bemerkt: „Es lebt jetzt ein schwächeres Geschlecht, von dem sich nicht sagen läßt, ob es so ist durch die Zeugung, oder die schwächere Erziehung und Nahrung.“

In der „Winterreise“ erfuhr eine damals noch namenlose, aber global sich auswirkende Klimakatastrophe eine ergreifende Wendung und Spiegelung ins Individuelle. Jegliche Bedenken und Despektierlichkeiten gegenüber ihren literarischen Qualitäten verbieten sich in dem Augenblick, da die traumatische Erfahrung eines aus den Fugen geratenen Klimas, die Müllers Generation zu durchleiden hatte, im Hintergrund der Dichtung mit wahrgenommen wird.

Auch Thomas Mann revidierte sein Urteil schließlich noch. 1950 notierte er: „Die Winterreise, unvergleichlich!“

 

* * *

 

Walter Mayr zählt zu Deutschlands namhaftesten Fotografen. Neben Natur- und Tierfotografie gehören auch musikalische Themen zu seinen Schwerpunkten.

 

Weitere Bilder aus seinem Zyklus "Winterreise" stellen wir in MAGDAs Album vor.

 

Und Wintergeschichten von heute präsentiert unser Potpourri Aus einem wahren Winter.

 

 



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