Zufall und Notwendigkeit

Zeitgeschichte mit Aha-Effekt und hohem Kopfschüttel-Faktor: Radkau/Hahns "Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft" erzählt ein spannendes Kapitel Technik- und Wirtschaftsgeschichte. Und der Leser weiß oft nicht, ob er staunen, lachen oder weinen soll.

Von Martin Rasper

Ein Bild von einem Kraftwerk: Isar 1, eines der stärksten deutschen AKW (Foto: Gitti Moser/pixelio.de)

Dass es in grauer Vorzeit einmal ein bundesdeutsches Atomministerium gab und dass dieses einem gewissen Franz Josef Strauß als Sprungbrett ins Verteidigungsministerium diente, wo der ehrgeizige Minister die Armee des jungen Landes unbedingt mit Atomwaffen ausrüsten wollte – das war einerseits immer ein Standardvorwurf der Anti-AKW-Bewegung, ist aber andererseits längst tatsächlich bewiesen und somit nichts Neues. Mit welcher Mischung aber aus Chaos, Ignoranz, Dummdreistigkeit und schierem Zufall sich die Entwicklung der deutschen Atomwirtschaft auch in jeder anderen Hinsicht gestaltete, das ist einer der vielen Aha-Momente bei der Lektüre dieses Buches.

Nicht genug damit, dass zum Beispiel das "Ministerium für Atomfragen" nur aus einer Handvoll Beamten bestand, deren Büros jahrelang in einem Godesberger Hotel untergebracht waren, oder dass der Atomminister Siegfried Balke, Strauß‘ Nachfolger, sich intern beschwerte, Adenauer spreche nie mit ihm – ja, es wusste eigentlich niemand so richtig zu sagen, wozu das Ministerium überhaupt gut sein sollte, denn es gab auch keine definierten Zuständigkeiten. Das Missverhältnis war derart augenfällig, dass schließlich sogar gelästert wurde, naja, es sei ja schließlich auch das Ministerium für Atom-Fragen und nicht für Antworten!

 

Kein Plan, kein Ziel

Zwei der Menschen in Deutschland, die am meisten über die Geschichte und die Entwicklung der bundesdeutschen Atomkraft wissen, haben die ganze Entwicklung nun in einem Buch aufgeschrieben. Joachim Radkau, emeritierter Professor für Neuere Geschichte in Bielefeld und renommierter Umwelthistoriker, hatte bereits 1983 seine Habilitationsschrift "Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft" veröffentlicht, deren Detailkenntnis auf weithin unzugänglichen Quellen beruhte und seither von keiner anderen Publikation erreicht wurde. Und Lothar Hahn, der zweite Autor, war bis 2009 Mitglied und zeitweilig Leiter der Reaktorsicherheits-kommission und Geschäftsführer der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, die im Auftrag des Bundes über die Sicherheit der Atomanlagen wacht. Geballte Autorenkompetenz also und dazu die Gewissheit, den kompletten Zeitraum bis heute lückenlos abdecken zu können.

Um das wesentliche Fazit des Buches – und die für die meisten Leser wahrscheinlich absurdeste Erkenntnis – vorwegzunehmen: Es scheint rückblickend gesehen keinen zwingenden Grund gegeben zu haben, warum diese milliardenschwere und milliardensubventionierte und gesellschaftlich letztlich so umstrittene Industrie in Deutschland überhaupt entstanden ist. Und diese Industrie hatte eigentlich nicht nur keinen Grund, sie hatte auch kein Ziel. Sie war mitnichten der Staat im Staat, als den die Anti-AKW-Bewegung sie beargwöhnte, sie war kein verschworener Geheimbund mächtiger Führer - auch Institutionen wie das Deutsche Atomforum oder die Deutsche Atomkommission füllten diese Rolle nicht aus, weil sie praktisch keinen Einfluss hatten. Eine irgendwie geartete zentrale Steuerung war schlicht nicht vorhanden.

Im Gegenteil, das Ganze lief über Jahrzehnte praktisch unkoordiniert ab. "Vielleicht besteht das wahre Geheimnis der Kernenergiegeschichte", so Radkau, "nicht darin, dass es im innersten Kern der nuklearen Community eine allmächtige Direktion gab, sondern dass nirgends eine umfassende Steuerung und Verantwortung existierte." Ja, ein Insider formuliert es noch drastischer: Rudolf Schulten, der Erfinder des Hochtemperaturreaktors THTR (der in Hamm-Uentrop gebaut wurde, aber nur kurz in Betrieb war), seufzte einmal, man könne das Ganze nur dann begreifen, wenn man sich klar mache, "das alles gekommen sei gegen den Willen aller."

 

Wunderbare Zukunft: Vision eines atomgetriebenen Autos in den fünfziger Jahren (Abb: Zeitschrift "Hobby")

 

Kein Mensch brauchte die Kernenergie

Besonders absurd aus heutiger Sicht, wo wir uns um das ungeklärte Endlagerproblem sorgen müssen: Es ging anfangs, in den fünfziger Jahren, als die Weichen gestellt wurden, beim Thema "Atomkraft" in erster Linie noch nicht einmal um Energiepolitik. Der ehemalige Atomminister Balke, so schreibt Radkau, „brachte mir bei, zum Verständnis der frühen Bonner Atompolitik müsse ich mir zuallererst klarmachen, dass diese mit Energiepolitik nichts zu tun gehabt habe“. Im Gegenteil, jeder der Beteiligten kochte sein eigenes Süppchen. Bundeskanzler Adenauer und Minister Strauß wollten sich aus strategischen Gründen die Option auf die Atombombe offenhalten – um mitreden zu können im Konzert der Großen, etwa bei der europäischen Atomgemeinschaft EURATOM oder bei der NATO. Die Atomphysiker um Werner Heisenberg und Carl-Friedrich von Weizsäcker dagegen waren strikt gegen eine deutsche Atombombe und protestierten 1957 auf aufsehenerregende Weise in der "Göttinger Erklärung"; die wollten nur forschen.

Die Energiewirtschaft wiederum war lange Zeit an der Atomkraft überhaupt nicht interessiert: RWE zum Beispiel hatte gerade die riesigen Braunkohlefelder am Niederrhein erschlossen, der Steinkohlepreis war auch im Keller, es gab Energie im Überfluss. Und Minister Balke, ein promovierter Chemiker, konnte mit der Aussicht auf Atomkraft auch wenig anfangen; ihn interessierte  an der Atomforschung eher die Strahlenchemie und die langfristige Aussicht, um die Atomforschung herum ein richtiges Wissenschaftsministerium aufzubauen - was ihm auch gelang: das Ministerium für Atomfragen ging (nach mehreren Umbenennungen) 1962 im Forschungsministerium auf.

 

Die Energiewirtschaft diktiert die Bedingungen

Diese Gemengelage blieb nicht ohne Folgen. So gab es Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre eine Phase, in der die Atomforschung (bzw. vor allem deren Anwendung) in Deutschland sich tatsächlich totzulaufen drohte. Die anfängliche Euphorie, als man in naher Zukunft Züge und selbst Autos atomgetrieben wähnte und als in den deutschen Micky-Maus-Heften die Texte zum US-Propagandawerk „Unser Freund das Atom“ vorabgedruckt wurden, war verflogen. Die Politik wollte aber nach wie vor diese schönen Kraftwerke, die sich vor allem Briten und Amerikaner in ihre Provinz zu stellen begannen, auch haben – plus der erwähnten politisch-strategischen Optionen.

Und so begab es sich, dass die Energiewirtschaft in jenen Jahren die Bedingungen diktieren konnte, unter denen sie sich bequemen würde, in die Atomkraft einzusteigen. So konstatierte ein Verhandlungsführer aus dem Bundesfinanzministerium, dass die mächtige RWE ihre "Position auf dem gegenwärtig bestehenden Käufermarkt für Kernkraftwerke voll auszunutzen gedachte" - die Energieversoger dachten also nicht im Traum daran, sich für die Entwicklung der Atomenergie in die nationale Pflicht nehmen zu lassen. Man einigte sich dann grob gesagt darauf, dass die Energieversorger für den Bau von AKWs keine höheren finanziellen Risiken würden eingehen müssen als bei konventionellen Kraftwerken, den Rest würde der Staat übernehmen.

"Insgesamt", schreibt Radkau, "wurde von dieser immer gewaltigeren staatlichen Finanzierung der Kerntechnik erstaunlich wenig Aufhebens gemacht. Später gab es im Ministerium gelegentlich einen ärgerlichen Vermerk, als ein Siemens-Film über den fertiggestellten MZFR (Mehrzweckforschungsreaktor Karslruhe) diesen mit Steuergeldern finanzierten Reaktor ganz zur Siemens-Leistung hochstilisierte. Ansonsten kann man jedoch in der damaligen Publizistik über den Aufstieg der Kernenergie geradezu vergessen, dass es sich um eine großenteils mit öffentlichen Geldern finanzierte Entwicklung handelte. Selbst der Bundesrechnungshof wurde von der Expansion der Atomförderung am Ende überrollt."

Und weil sich schnell herausstellte, dass die Zeit und die Mittel zur Entwicklung eigener deutscher Reaktoren (etwa der wegen des Bomben-Plutonium favorisierten Schwerwasser-Reaktoren) nicht ausreichen würde, übernahm man Anfang der sechziger Jahre die Reaktortypen, die in den USA bereits leidlich funktionierten - nämlich die auf normalem Wasser als Kühlmittel basierenden Druck- und Siedewasserreaktoren. Auch dies übrigens eine Entwicklung, die den Historiker Radkau, als er sich bei seiner Forschung in die  Materie zu vertiefen begann, verblüffte: "Das war mein erstes großes Aha-Erlebnis, als ich in den siebziger Jahren in den Akten herumwühlte: in welchem Maß sich die Leichtwassereaktoren ungeplant durchgesetzt haben."

 

War so nicht geplant: Der Schnelle Brüter in Kalkar dient heute als Spaßreaktor (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

 

Bereits 1982 wurde das letzte neue AKW bestellt

Die Entwicklung eigener deutscher Reaktoren wurde aber dennoch in der Folgezeit nicht aufgegeben – im Gegenteil, die Atomforschungszentren in Karlsruhe und Jülich, die am Plutoniumreaktor vom Typ Schneller Brüter und am Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR, „Kugelhaufenreaktor“) forschten, wurden größer und größer. Letztlich gingen die mit jeweils mehreren Milliarden subventionierten Kraftwerke doch nicht ans Netz (so der Brüter) bzw. nur kurz (der THTR), weil sie sich als überflüssig und als zu unsicher erwiesen hatten.

Das wäre eigentlich, mit einiger historischer Distanz gesehen, an sich schon die passende Pointe gewesen.  Doch dann kam ja noch die dramaturgische Volte am Schluss, wie sie sich ein Drehbuchschreiber nicht besser hätte ausdenken können: Erst der Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Bundes-regierung, dann die Rolle rückwärts zur Laufzeitverlängerung unter Angela Merkel, die den Energiekonzernen viele zusätzliche unverhoffte Millionen zu bescheren schien - und dann, nach Fukushima das endgültige Aus.

Dabei, so ein Fazit des Buches, ist die jetzige Energiewende im Grunde nur die Konsequenz aus einer Entwicklung, die schon seit Jahrzehnten läuft. Bereits seit 1982 nämlich wurde kein neues Atomkraftwerk mehr in Auftrag gegeben. Auch dies ist ein Erkenntnisgewinn beim Lesen: Die geschilderte Entwicklung, die ja vor allem Vorgänge hinter den Kulissen beschreibt, ist der Wahrnehmung der Öffentlichkeit stets ein bis anderthalb Jahrzehnte voraus. In der öffentlichen Wahrnehmung begann die Auseinandersetzung um die Atomenergie im wesentlichen mit dem Streit um das AKW Wyhl 1974 und endete, jedenfalls was die heiße Phase angeht, mit dem Aus für die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf 1989. Die wesentlichen Weichenstellungen waren jeweils ein bis zwei Jahrzehnte früher erfolgt.

 

Neue Manager braucht das Land

Die beiden Autoren beenden ihr Buch, das sich spannend und flüssig liest und bei aller Detailgenauigkeit nie den großen Bogen aus den Augen verliert, mit einem Ausblick auf die Energiewirtschaft der Zukunft. Eine Chance bei der Energiewende und beim Ausbau der erneuerbaren Energien, so die Autoren, liege darin, dass man nun leichteren Herzens experimentieren könne als seinerzeit bei der Atomkraft: weil die Risiken geringer seien; weil die Technik insgesamt weniger aufwendig sei; weil sich Irrwege leichter korrigieren ließen; und nicht zuletzt, weil die erneuerbaren Energien kein so gefährliches Erbe hinterlassen wie den Atommüll. Gerade wegen der Andersartigkeit der Technik aber sei hier auch ein neuartiger Managertyp nötig - kommunikativer und lernfähiger zum Beispiel -, und den sehen die Autoren in der herkömmlichen Energiewirtschaft eher unterrepräsentiert.

Dagegen beobachten sie bereits jetzt, "wie die Aussicht auf Freiheit von der Kerntechnik zur Befreiung einer neuen Ingenieursgeneration führt". Aber sie verhehlen auch nicht die Gefahr, dass - bei aller Verschiedenheit - ein konkreter Fehler der Kernenergie auch bei den erneuerbaren Energien wiederholt werden könne: nämlich dass sich nicht die beste Technik durchsetzt, sondern die mit der besten Lobby. Oder die, die von der Politik am meisten subventioniert wird. Oder die, die in einem bestimmten Moment gerade zufällig zur Verfügung steht. Oder was der Zufälle mehr sind. Das Chaos droht jederzeit. Mögliche Abhilfe, wenigstens zum Teil: eine informierte und engagierte Öffentlichkeit. 

 

 

Joachim Radkau, Lothar Hahn:

Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft.

Oekom Verlag München, 2013.

416 Seiten, 24,95 Euro.

 

Link zum Buch

 

 

 

 

 


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