"Der Mensch braucht so ein Stück Papier"

Ein Blick zurück nach vorn

Heinrich Jaenecke im Gespräch mit Felix Zimmermann

©  Nele Braas
Fotos: Nele Braas

Eine Menge Zeug: Über das Zeitungsmachen mit Schere und Klebstoff, über Recherchen erster Klasse und richtig böse Geschichten, über die Champagnerfeten des Henri Nannen und übers Schreiben in Zeiten des Internets. Ein Reporterleben.

 

Felix Zimmermann: Herr Jaenecke, Sie schreiben seit über sechzig Jahren. 1947 machten Sie sich auf nach Argentinien, dort fing es an. Warum Argentinien?

Heinrich Jaenecke: Ich bin nicht der typische Auswanderer gewesen. Ich hatte eine vermögende Stiefmutter, die mir damals den Weg ebnete. In Deutschland hatte ich keinen Menschen, die waren in alle Winde verstreut. Plötzlich, als sich der Nebel lichtete von diesem fürchterlichen Krieg, eröffnete sich mir die Chance: Du brauchst eigentlich nur einen Stempel der Républica Argentina. Ja, gut, Bienvenido!

Aber dort kannten Sie auch niemanden.

©  Nele Braas

Nein, bis auf die Stiefmutter und meinen Vater, der verwitwet und nun in dritter Ehe verheiratet war. Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen: Ich habe unverschämtes Glück gehabt. Ich war kurz vor dem Kriegsende noch zur Wehrmacht eingezogen worden. Und nun bot sich diese Chance.

Als Sie ankamen, studierten Sie zunächst Architektur.

Ich habe das Studium zwar nicht abgeschlossen, bin aber berechtigt, in Argentinien Gebäude mit maximal einem Obergeschoss zu errichten.

Wie kamen Sie dann zum Argentinischen Tageblatt?

Mich interessierte es einfach, dass es dort am Ende der Welt eine deutsche Zeitung gab – und keine schlechte. Ich bekam Kontakt zu dem alten Verleger, Ernesto Alemann. Der sagte: Schreiben Sie doch für uns.

Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Ich beschrieb die letzten Tage des Krieges, die „Stunde Null“, wie ich sie erlebt hatte: Als 17jähriger Kindersoldat, der den Stahlhelm in den Straßengraben warf, weil er keinen Sinn mehr in einem einzigen Toten sah. Es war mein erster Artikel, und ich freute mich über das Echo, aber ich wusste nicht, dass ich innerlich bereits auf dem Weg zum Journalismus war. Während ich weiter Hochhäuser, Schulen und Vorortvillen berechnete und über Baustellen stapfte, schrieb ich über das Land, das ich hinter mir gelassen, und über das andere, das ich noch gar nicht entdeckt hatte.

Ein Kollege fragte mich dann eines Tages: Was willst Du eigentlich werden? Du musst Dich entscheiden: Zeitungmachen geht nur ganz oder gar nicht. Ich stelle Dir ein Ultimatum: Übermorgen weißt Du es. Da habe ich gesagt: Ich brauche keine zwei Tage, ich weiß es jetzt schon. Ich habe es nie bereut.

Vom Zauber des Zeitungsmachens

 

Das Tageblatt war eine antifaschistische Zeitung.

Das stand sogar eine Zeitlang im Untertitel. Im Gegensatz zur Deutschen La-Plata-Zeitung, die auf Seiten der Nazis gestanden hatte und bei Kriegsende verboten worden war. Das Tageblatt war eine richtige Zeitung, mit allem, was dazugehört, einschließlich der Viehmarktpreise. Der Chefredakteur, ein feinsinniger Österreicher, hatte den Ehrgeiz, eine richtige, schöne, anständige, konservative Zeitung zu machen. Er stellte mich als Nachtredakteur ein. Er selbst übernahm das Sortieren der Meldungen. Wir fingen um sechs Uhr abends an und wurden nach Mitternacht fertig. Wir arbeiteten mit Schere, Leimtopf und Papier – das waren die Utensilien des Zeitungsmachers. Mich ließ die Atmosphäre in der Redaktion nicht mehr los, bis heute nicht. Im Gegensatz zur Arbeit auf dem Bau war sie unberechenbar. Mir erschien sie wie der Spiegel des Lebens: ungeordnet, improvisiert, jeden Tag neu.

Über die Zeitung bekam ich viele Kontakte. Die Emigrantenkinder standen natürlich alle ganz links, waren teilweise KPD-Mitglieder. Ich hatte damals auch viele jüdische Freundinnen und Freunde, das fand ich eigentlich mit am besten. Das war etwas Neues für mich, und trotzdem all diese alten Geschichten; viele gebrochene Biographien. Und dazwischen dann die alten Nazis!

©  Barbara Markert

In Ihrem Lebenslauf steht schlicht: 1954 Rückkehr nach Deutschland, Schreiben als Beruf. Damals waren Sie 26 Jahre alt. Mit welchen Ideen, welchen Wünschen haben Sie diesen Beruf ergriffen?

Also ich bin, wie viele Emigranten, innerlich nie richtig wieder zurückgekommen. Aber für den Beruf spielte das eine untergeordnete Rolle. Ich wollte einfach das, was mich beschäftigt hat, als Schreiber umsetzen. Gleichgültig wo.

Als einziges Empfehlungsschreiben hatte ich einen Brief an die Süddeutsche Zeitung. Werner Friedmann, der damalige Chefredakteur, schickte mich auf einen Kursus für junge Lokaljournalisten. Darunter war ein wunderhübsches Mädchen. Mensch, dachte ich, das ist es doch! Friedmann empfahl mich dann nach Passau. Dort herrschte gerade schlimmes Hochwasser, und die dortige Zeitung konnte Verstärkung gebrauchen. So landete ich bei der Passauer Neuen Presse.

Ich meldete mich bei der Rezeption, Jaenecke mein Name. Und was wünschen sie? Ich möchte hier arbeiten. Ah, das ist gut. Kommen sie rein. Der Chefredakteur, Herr Kapfinger, empfing mich inmitten eines Bergs von Leitartikeln: Gut, Jaenecke, dann schreiben sie hier jetzt mal weiter. Ich schrieb also seine Leitartikel zu Ende. So begann meine Laufbahn. Kapfinger ernannte mich zum politischen Redakteur. Wir kamen persönlich gut miteinander aus, aber die politischen Gegensätze ließen sich nicht überbrücken.

Pokerrunde im Pressehaus

 

Gingen Sie dann direkt zum stern?

Dazwischen war ich noch bei der Quick, damals eine richtig gute Zeitschrift. Das Schwergewicht lag auf den großen Reportagen, mit Leuten wie Hilmar Pabel, Hans Hubmann, Stefan Moses, eine sehr gute Truppe. Ich hörte dort dann aber das Sterbeglöckchen läuten und machte mich auf nach Hamburg. Erst wurde ich beim Auslandschef des Spiegel vorstellig, Julius Greiff. Der sagte, sie wollten in Zukunft richtige Reportagen machen: Wir kamen an und draußen schneite es, so etwas in der Art. Prima, sagte ich, das würde passen. Da wäre nur noch die kleine Frage nach dem Gehalt.

Er fragte dann bei Augstein nach, und der sagte, das ist doch kein Thema, da soll er mal reinkommen. Herr Augstein, ich möchte gerne bei Ihnen arbeiten, wir müssten nur noch das Finanzielle klären. Was denn, was gibt es denn da zu klären - Sie verdienen 2.800 Mark. Das war eine Stange Geld, aber ich gab mich nicht zufrieden, wandte ein, dass Hamburg viel teurer sei, diese Sprüche eben. Augstein meinte: Nee, nee, das schlagen Sie sich mal aus dem Kopf, das bringt ja unser ganzes Gehaltsgefüge durcheinander. Naja - eine Viertelstunde später stand ich bei Henri Nannen vor der Tür.

Ging man da einfach so hin?

Nein, das war mit Termin. Die saßen ja alle unter einem Dach im Pressehaus, und ganz oben thronte der Bucerius als Verleger von ZEIT und stern. Man musste mit dem Paternoster nur den Flur wechseln. Nannen sagte: Sie machen ja großartige Sachen. Dann meinte ich, wir müssten aber noch die Gehaltsfrage klären. Wie viel wollen Sie denn verdienen, fragte er. Ich sagte, naja, in Hamburg ist ja alles teurer, und so weiter … also drei fünf. Und dachte im selben Moment: Jetzt haste zu hoch gepokert. Er aber sagte: Okay. Unglaublich.

War das, weil der stern mehr Geld hatte, oder weil Nannen Reportagen mehr schätzte?

Nein, er setzte gezielt auf bestimmte Leute. Der Spiegel hat das fast nie gemacht.

Trotzdem klopften Sie zuerst bei Augstein an...

Ja, das Renommee war größer, der Spiegel hatte mehr politisches Gewicht. Aber die konnten nicht schreiben dort, ganz furchtbar! Ich habe es nicht bereut, dass ich zum stern gegangen bin.

Wie haben Sie Nannen erlebt?

Ich war nie ein Parteigänger von ihm. Aber ich bewunderte seine publizistischen Fähigkeiten, die ihn auch manche Grenze überschreiten ließen, im Widerspruch zur gängigen Meinung. Ohne die Unterstützung Nannens, Bucerius’ und Augsteins wäre die Ostpolitik Willy Brandts nicht möglich gewesen, das darf man nicht vergessen. Nannen war ein brillanter Blattmacher, absolut instinktsicher. Aber persönlich mochte ich seine Art nicht. Er war ein Menschenfänger, er benutzte die Leute und konnte sie gnadenlos fertigmachen. Und dann dieser Glamour, den er so wichtig nahm. Er war selbst so eine Glamourerscheinung: er sah top aus, war ein brillanter Formulierer, auch ein Polemiker. Und eitel. Er hatte eine Luxusjacht, die lag in Neapel und hieß Positano. Darauf hielt er regelrecht Hof, durch so eine Einladung wurde man dann geadelt. Das bedeutete jeweils Hamburg - Neapel und zurück, natürlich im Privatjet.

Da flog man gemeinsam hin?

Ja. Oder auch einzeln.

Waren Sie da auch mal an Bord?

Nicht in Neapel, aber in Hamburg. Da gab er mindestens einmal im Jahr eine Party.

Mit Champagner und allem?

Natürlich. Freut Euch des Lebens!

Damals müssen die Verlage unglaubliche Budgets gehabt haben. Ich glaube, bei der letzten Weihnachtsfeier des stern-Büros in Berlin sollten die Gäste selbst etwas zu essen und zu trinken mitbringen, aus Spargründen.

Das war damals gar nicht so exorbitant; wir hatten ja einen strengen Rechner, und der hieß Bucerius. Aber gereist sind wir natürlich erster Klasse. Zu den Star-Reportern, auch was die Höhe der Gage anging, gehörte Erich Kuby. Der hatte sich sogar ausbedungen, dass ihm ein Konzertflügel zur Verfügung gestellt würde, wenn er dienstlich unterwegs war. Er wollte in Übung bleiben.

©  Nele Braas

Meine längste Reise habe ich allerdings nicht für den stern unternommen, sondern für Kindlers Revue. Das war eine Reportage unter dem Titel „Deutsche in aller Welt“, dafür bin ich mit Stefan Moses zwei Monate lang unterwegs gewesen. Meine Frau ärgert sich heute noch darüber. Damals entschied man selbst, wie lange man brauchen würde. Bestenfalls fragte mal jemand: Wie lange bleibt ihr noch in Kalkutta? Aber es ging nicht ins Uferlose, wir wussten, was sich gehört.

Der größte Gewinn dieser Reportagen war die Teamarbeit mit den Fotografen. Unglaublich, wie die arbeiteten. Alles leise, behutsame Leute. Die einzige Voraussetzung für eine Zusammenarbeit war, dass man sich einigermaßen verstand. Wobei damals die Idee immer war: Erst das Wort, dann das Bild.

An welche Fotografen erinnern Sie sich besonders?

Bei Robert Lebeck etwa hat mich fasziniert, wie er vorging. Eigentlich war Bob ein klassischer Auftragsfotograf; er wäre von sich aus nicht auf die Idee gekommen, mal nach Spanien zu fahren und nach dem alten Franco zu sehen. Aber nachdem man uns hingeschickt hatte, legte er los. Eine Enkelin Francos heiratete damals in einem Riesenpalast. Das war eine richtige Show. Für die Fotografen gab es ein kleines Podest mit einem Seil drumrum. Bob hatte sich klugerweise in Schale geworfen und einen Smoking angezogen. Damit sprang er dann – dschumm – über dieses Seil und war auch schon mittendrin. Natürlich wurde ihm dann der Film abgenommen, natürlich wurde er eine Nacht festgehalten. Aber die Filme, die er unter der Schuhsohle hatte, genügten ihm, die kamen doppelseitig ins Blatt. Es gibt berühmte Bilder, die gibt es nur von Robert Lebeck.

Der Mann mit dem Degen

 

Das aus dem Kongo zum Beispiel: König Baudouin entlässt das Land 1960 in die Unabhängigkeit. Er fährt im offenen Wagen und in vollem Ornat durch Leopoldville und salutiert. Plötzlich taucht da dieser Mann auf und entreißt ihm den Degen.

Bob hat das Auge und den Instinkt für das eine Bild. Der wusste diesen Augenblick. Er hat nicht überlegt, sah nur den Schwarzen mit dem Degen, und zack war’s drin.

Einmal mussten Sie beide in Brasilien eine Nacht in der Pampa verbringen, weil kein Benzin mehr im Tank war.

Das war im Sertão, dem Trockengebiet im Nordosten Brasiliens. Wir waren den ganzen Tag unterwegs gewesen auf einer Piste, die schnurgerade von Horizont zu Horizont lief. Die Sonne brannte, und als sie endlich unterging, stotterte der Motor und stand dann still. Ringsum Schweigen. Wir machten uns auf zu einer Fazenda, an der wir kurz zuvor vorbeigekommen waren. Drei Frauen öffneten uns, boten uns die Hängematten auf der Terrasse an und machten Tee. Da lagen wir dann, tranken den bitteren Mate in kleinen Schlucken, über uns die Sternbilder der südlichen Hemisphäre. Bevor wir einschliefen, murmelte Bob: Möchtest du einen anderen Beruf haben? Die Antwort war – natürlich – nein. Für uns beide.

Wie erklären Sie den Reiz, den dieser Beruf auf Sie ausübte?

Im Grunde war es kein Beruf, sondern eine Obsession. Jede Reportage war ein neuer Aufbruch ins Unbekannte – auch wenn es nur in die Lüneburger Heide ging. Denn das Unbekannte ist überall, auf dem Jungfernstieg oder im Sertão. Es bedarf der Witterung des Jägers, um es aufzuspüren in seinem Versteck und es wie eine Beute heimzuholen. Es ist die Jagd nach dem Leben, die den Reporter umtreibt. Wer diesen Jagdinstinkt nicht hat, wird vergebens auf Pirsch gehen.

Waren Sie unersättlich?

Ja. Meine Frau hat mir das auch manchmal vorgeworfen: Du kannst nicht genug kriegen. Aber ich habe auch den Überdruss gespürt. Eines Tages fragst du dich: Für wen hetzt du eigentlich um die Welt, für wen nimmst du diese Strapazen auf dich, für wen setzt du dich der Konfrontation mit dem Tod aus und diesem mörderischen Hass? Das Wüsteste, was ich erlebt habe, war das Massaker von Tlatelolco, 1968 in Mexiko-Stadt. Da wurden protestierende Studenten niedergemetzelt, die wurden weggeknallt wie sonstwas. Wir mittendrin, neben mir Oriana Fallaci auf dem Boden, die Soldaten schleiften sie an ihren Haaren über die Straße, man hörte fürchterliches Schreien. Scheißjournalisten, brüllte ein Soldat, alle an die Wand! Das war eine richtig böse Geschichte, da hatte ich richtige, nackte, schlichte Angst. Angst, dass die mir an den Kragen gehen.

In Ihrem „Acapulco“-Text, der so etwas wie Ihre Bilanz ist, erzählen Sie, wie es weiterging.

Ich war danach in Hamburg auf einer Party, und ein Herr im Blazer wollte Konversation betreiben: „Ach, Mexiko, ein schönes Land! Wie fanden Sie Acapulco?“ Am besten sagst du gar nichts, dachte ich mir. Sonst platzt der ganze Abend, wenn nicht noch mehr.

All diese Erlebnisse waren gar nicht kompatibel mit dem Leben außerhalb der Reporterwelt.

Ja, ganz sicher. Aber ich spürte immer auch den anderen Feind des Reporters: die Flüchtigkeit der Zeit. Das ist die Falle des Berufs. Wir leben im Hier und Heute. Jede Reportage ist ein Abdruck des Augenblicks, aber die Zeit verwischt ihn wie der Wind die Fußspur im Sand. Man kommt nie richtig zum Nachdenken in diesem Beruf, kann das Erlebte gar nicht verarbeiten.

In besagtem Acapulco-Text lassen sie einige der eindringlichsten Augenblicke Revue passieren:

„Du wolltest die Welt sehen, und der Beruf hat sie dir gezeigt, mit ihrem Janusgesicht. Den Christo Redentor über der Bucht von Rio de Janeiro, vielleicht der schönste Platz der Erde, die segnenden Hände ausgestreckt über die Wellblechbuden der Favelas zur Linken und die Luxusappartements von Copacabana zur Rechten; das Schweigen der Salpeterwüste und das Dröhnen der Bulldozer, die die Massengräber des Pinochet-Regimes mit Erde zuschütten; der israelische Panzer auf dem Golan und das erstarrte Gesicht des SS-Sturmbannführers Adolf Eichmann im Gericht zu Jerusalem; die letzten Indios am Rio Xingú, die dir für eine Stange Marlboro ihren Kriegstanz vorführen, und die Hercules der US-Navy, die dich am Pol absetzt, 90 Grad Süd, wo Scotts Leben endete, und wo in der Stützpunktbar, zehn Meter unter dem Eis, die Mädchen vom Playboy-Kalender an die Wand gepinnt sind; der NVA-Soldat am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße, in der Nacht des 9. November 1989, dem die Tränen über das Gesicht laufen, und die lachenden Menschen, die sich fünf Schritte vor ihm in den Armen liegen; ein Sonnenuntergang bei Ahrenshoop und das Nachtgebet der Mönche im Benediktiner-Kloster von Meschede – eine Menge Zeug. Mehr als ein Mensch in seinem Leben verarbeiten kann.“

Und dann heißt es weiter: „Du hast die Welt gesehen, aber die Welt dreht sich. Es gibt schon lange keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte.“ Schon gar nicht im Zeitalter des Internets, wo sich alles rasend schnell verbreitet und alle Informationen verfügbar scheinen, zu jedem Ort der Welt. Hat da der Reporter, wie Sie ihn verstehen, überhaupt noch seinen Platz?

Hundert Zeilen Kisch

 

Lesen Sie Kisch! Wie der eine Szene ohne Bild und Foto beschreibt. Da merkt man: Das Wort ist nicht ersetzbar, auch mit dem tollsten Foto nicht. Hundert Zeilen Kisch, das ist gigantisch. Im Internet dagegen ist Information in Informationsmüll umgeschlagen, er quillt uns entgegen wie von einer Deponie. Aber das Eigentliche bleibt uns verschlossen. Trotz aller Bilder und aller Informationen wissen wir zum Beispiel nicht, wie Bagdad nach Jahren im Krieg wirklich aussieht. Kisch dagegen vermittelte ein bleibendes Bild vom Krieg, nur über seine vollgekritzelten Notizbücher, ohne Bild und Ton.

Wie sehen Sie die Zukunft des Schreibens?

Schreiben entsteht aus einer inneren Notwendigkeit, der Anlass ist vollkommen beliebig. Ich würde mich unbefriedigt fühlen, wenn es das Schreiben mit Bleistift und Papier nicht gäbe. Genau so unbefriedigend wäre ein Leben ohne Zeitung. Deshalb glaube ich, dass es den gedruckten Journalismus immer geben wird.

Es fängt mit der materiellen Verfügbarkeit an. Von dem Moment an, wo meine Zeitung im Briefkasten ist, kann ich sie lesen, wann ich will. Und wenn ich dann etwas vergessen habe, das Horoskop vielleicht, oder was mit der Heidi Krums war, oder wie ‘se heißt, dann greife ich einfach danach. Beim Fernsehen geht das nicht, und den Computer will ich auch nicht dauernd einschalten.

Und zweitens: Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen, und dafür brauchen wir Kommunikation. Das Internet ist dagegen ein gemeinschaftstötendes Unternehmen, es vereinzelt die Menschen. Ich will das weder überspitzen noch dämonisieren. Aber der Mensch braucht so ein Stück Papier, um mit der Gemeinschaft in Kontakt zu bleiben. Es gibt diesen wunderschönen Fünf-Zeilen-Dialog von Tucholsky: Ein Ehepaar sitzt beim Frühstück. Er sagt: Du, haste gelesen, der Tucholsky ist gestorben. Darauf sie: Ach!

Dennoch wächst jetzt eine Generation heran, die womöglich nie eine Zeitung in die Hand nimmt, sondern ausschließlich digital lebt.

Das kann ich mir nicht vorstellen. Gibt es das wirklich?

Und im Internet kann man direkter miteinander in Kontakt treten. Da kommt die Flaschenpost an, von der sie früher nie wussten, ob die Leser sie erhalten haben. Außer, wenn mal ein Leserbrief kam. Leser, wo bist du? Im Internet wissen wir es, da kommentieren die Leser, da entwickeln sich Dialoge. Da ist es auch viel leichter, einen Leserbrief zu schreiben.

Warum sollte das leichter sein?

Im Internet klatscht man den Kommentar direkt unter den Artikel, andere können ihn lesen und dann ihre Meinung dazuschreiben. So entwickeln sich riesige Diskussionen über einen Text. Schreiben ist öffentlicher geworden.

©  Nele Braas

Na ja, ich bekomme das nur gelegentlich mit. Meine Enkelin zum Beispiel tickt da ihr Ding runter, und ich fühle mich schon gedrängt, abends zu kucken, was los war, was sie wieder geschrieben hat. Nun war sie in Australien, da bekam ich einen genauen Bericht über dieses und jenes. Aber ich dachte: Wie schön wär’s jetzt, Du würdest mir ein Briefchen schreiben.

Ich habe gerade das Jugendtagebuch meiner Mutter herausgegeben, das sie während des Ersten Weltkriegs geführt hat. Sie war Jahrgang 1900 und die Tochter Friedrich Eberts, daher hatte sie schon in jungen Jahren so etwas wie ein politisches Bewusstsein. In ihren Aufzeichnungen setzt sie sich mit sich selbst und ihrer Zeit auseinander, reflektiert schreibend, was sie gehört und gesehen hat. Diesen Vorgang meine ich mit dem inneren Zwang.

Aber im Internet schreibt man doch auch …

Es fehlt jedoch die Intimität. Wer im Internet schreibt, schreibt nicht für sich, sondern als Teil dieser anonymen Öffentlichkeit, dieses Bienenschwarms.

Nun sind die traditionellen Medien durchs Internet in eine Krise geraten. Beschleichen Sie da manchmal apokalyptische Gedanken?

Natürlich, die Umwälzungen in den Medien sind offenkundig. Aber hat es das nicht früher schon gegeben, solche Wellen, die auf und ab wogten? Ich sehe es weniger dramatisch. Vermutlich werden die Auflagen der Zeitungen noch eine Weile sinken, aber dann wird sich das einpendeln. Ich glaube nicht, dass es eines Tages nichts Gedrucktes mehr zu lesen geben wird.

Immerhin reicht das so jetzt weit, dass ein Verlag wie Gruner + Jahr nicht mehr weiß, wie er den Journalismus in Zukunft finanzieren soll.

Ja, das ist eine ernsthafte, schwere Krise, man sieht ja, wie dünn der stern geworden ist. Mir läuft der Angstschweiß den Rücken runter, wenn ich an die Zukunft dieser Verlage denke. Aber, wie gesagt, ich kann es mir nicht vorstellen: Wie soll die Menschheit ohne Gedrucktes auskommen? So lange es Frühstück gibt, wird es auch eine Zeitung zum Frühstück geben. Ich warte immer noch, dass sich diese Tartarenmeldungen bestätigen. Ich glaube, dass der Nutzwert der Onlinemedien geringer ist, als man glaubt. Worüber schreiben diese „Autoren“? Doch immer nur über sich und irgendwelche Leute. 

Und doch schreiben auch Sie inzwischen für ein Online-Magazin, das Sie selbst mit aus der Taufe gehoben haben: MAGDA – Das Magazin der Autoren.

Es sind ja auch nicht zwei verfeindete Lager; wir kommen alle aus demselben Stall. Ich freue mich, dort mitmachen und mich einmischen zu können. Man muss sehen, was am Ende dabei herauskommt, und wie die Medien sich wandeln.

 


In unserer Reihe über Die Zukunft des Schreibens sind bisher erschienen:

"Der Mensch braucht so ein Stück Papier" - Heinrich Jaenecke im Gespräch mit Felix Zimmermann

Vom Verschwinden der Schriftkultur: Henning Lobin über die Folgen der Digitalisierung

Endlich Ballast abwerfen: Wolfgang Michal über die handwerklichen Vorzüge des Internets

Futura negativ - Emanuel Eckardt über den Zauber schöner Schriften

Glanz und Elend auf der digitalen Galeere - Tom Schimmeck über den übel beleumundeten, gleichwohl unentbehrlichen Berufsstand der Journalisten

 

 

Lesen Sie aus aktuellem Anlaß auch Heinrich Jaeneckes Betrachtungen über Katyn - Der doppelte Tod



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