Vom Verblassen der Schriftkultur

Wie die Digitalisierung Lesen und Schreiben verändert

Von Henning Lobin

©  Nele Braas
alle Fotos: Nele Braas

„Mein Kopf kommt nicht mehr mit“, schreibt Frank Schirrmacher in seinem Buch Payback, und schildert die Veränderungen, die sich durch Internet und Computer gegenwärtig vollziehen. Und diese sind vielfältig: Uns stehen heute jederzeit riesige Informationsmengen zur Verfügung, die wir blitzschnell durchsuchen können, in sozialen Netzwerken organisieren wir unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, die ökonomischen Grundlagen von Musik und Journalismus erodieren, und jedermann spürt, das sich gerade ein kultureller Wandel vollzieht, vielleicht eine Kulturrevolution, von der niemand weiß, wohin sie uns führen wird.

Das Problem mit derartigen Diagnosen besteht darin, dass sie so allgemein formuliert sind, dass kaum abzuschätzen ist, welche Veränderungen uns konkret in unserer Lebens- und Arbeitswelt erwarten. Wenn man aber gezielt einen Bereich herausgreift, wird eine Abschätzung der Veränderungen eher möglich. Betrachten wir also das Schreiben: Wie werden wir in zehn oder zwanzig Jahren schreiben, wenn all die Veränderungsprozesse stattgefunden haben, von denen wir jetzt erst die Anfänge sehen?

Daran, dass Schreiben, Schrift und Texte zu den wichtigsten Trägermedien unserer Kultur gehören, besteht kein Zweifel. Die Kultur, in der wir leben, ist für uns mit ihren kulturellen Produkten, Bezügen und Verfahrensweisen wie eine Sprache, in die wir hineingeboren werden. Wie in unsere Muttersprache wachsen wir auch in unsere Kultur hinein, lernen die wichtigsten Texte, Bilder, Ereignisse und Werte kennen, schaffen Querbezüge und lernen, kulturellen Sinn durch Interpretation zu erkennen. Eine solche kultursemiotische Sichtweise basiert auf der Vorstellung, dass eine Kultur aus einem System von Zeichen besteht.

Die Mühlen des Wissens

Zeichen sind zum kommunizieren da. Durch Lesen und Schreiben können wir uns in dieses kulturelle Zeichensystem einklinken. Am Beispiel der Wissenschaft ist dies besonders gut zu beobachten: Bis vor wenigen Jahren bestand die Arbeit eines Wissenschaftlers zum großen Teil darin, Texte anderer Wissenschaftler zu lesen und seine eigenen Überlegungen oder Untersuchungsergebnisse in längeren Texten systematisch darzulegen, die in Zeitschriften oder als Monografie durch Fachverlage wiederum in das System eingespeist wurden. Das Schreiben selbst erfolgte auf der Grundlage von Exzerpten und Karteikarten, gelegentlich wurde ein Assistent losgeschickt, um aus der Bibliothek das ein oder andere Buch zu besorgen.

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Man kann sich leicht vorstellen, dass diese Art des Schreibens auch die wissenschaftliche Kultur geprägt hat. Die Publikationsmühlen mahlten langsam, man hatte Zeit, genau zu lesen und die eigenen Schriften wieder und wieder zu überarbeiten. Darwin ließ das Manuskript zu seinem epochalen Werk The Origin of Species mehr als fünfzehn Jahre reifen, Kant schrieb elf Jahre an der Kritik der reinen Vernunft, dann noch einmal neun Jahre an den weiteren Teilen seines kritischen Systems. Derartige Produktionsmethoden hatten im Prinzip bis die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts bestand.

Die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens haben sich seitdem durch drei Faktoren stark gewandelt: Digitalisierung, Multimodalität und Distribution. Sehen wir uns zunächst für das Lesen an, was diese drei Faktoren bewirken. Die Digitalisierung wurde durch den Computer ermöglicht, einer Maschine, die auf die automatische Ausführung zuvor festgelegter Programme ausgelegt ist. Der Computer erlaubt die Automatisierung des Umgangs mit Informationen, und auch beim Lesen werden wir mittlerweile von ihm unterstützt. Dies beginnt mit der simplen Suchfunktion auf einer Bildschirmseite und setzt sich in den Suchmaschinen des Internets fort, die nichts anderes sind als gewaltige Lese-Maschinen. Die wenigen Texte, die wir relativ langsam, aber mit inhaltlicher Durchdringung lesen, ergänzen wir durch die gewaltigen Textmengen, die der Computer für uns extrem schnell automatisch liest - aber anstatt mit inhaltlichem Verständnis wie ein desinteressierter Buchhalter, der nur Wortlisten anlegt und Fundstellen tabellarisiert.

Der Vormarsch der Bilder

Eine wichtige Folge der Digitalisierung ist es, dass alle Arten von Informationen nach den gleichen Prinzipien erstellt, gespeichert und bearbeitet werden können, gleichgültig, ob es sich um Texte, Bilder, Grafiken, Videos oder akustische Daten handelt – alles lässt sich durch Programme mit dem Computer manipulieren und kostengünstig darstellen. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Datentypen oder „Modalitäten“ sind deshalb im Zuge der Digitalisierung verwischt worden, und Texte sind heute in einem viel höherem Maße mit Informationen visueller Art durchsetzt als noch in analogen Zeiten, wo dieses zu einem aufwändigen und somit teuren Produktionsprozess führte.

Besonders deutlich ist diese Tendenz zur „Multimodalität“ bei Web-Seiten zu sehen. Vergleicht man etwa über einen Service wie archive.org, der eine Art Zeitreise in die Vergangenheit des Web ermöglicht und festhält, wie sich die Web-Seiten beispielsweise von Tageszeitungen über die Jahre hinweg verändert haben, so ist ganz deutlich zu erkennen, dass hier nicht mehr vorrangig das Lesen unterstützt wird, sondern das Scannen einer Seite. Nicht nur der Text ist Träger von Bedeutung, sondern auch der geometrische und optische Seitenaufbau. Die Seite wird zu einer multimodalen Bedeutungsfläche.

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Das Internet hat schließlich zu völlig neuen Vertriebswegen für Texte geführt. Texte werden nicht mehr physisch auf Papier gespeichert und als Gegenstände transportiert, was Kosten verursacht und Zeit in Anspruch nimmt. Seit das Internet als Informationsinfrastruktur verfügbar ist, liegen die Kosten einer weltweiten Distribution von digitalen Texten bei nahe null, und die dafür benötigte Zeit ist gleichzeitig auf Millisekunden geschrumpft. Durch WLAN und UMTS ist die Infrastruktur zur Benutzung des Internet nahezu überall verfügbar, so dass sich der schnellen und billigen Distribution auch die Allgegenwart hinzugesellt. „Information at your fingertips“ – das war zwar nur der Slogan eines Software-Herstellers, kennzeichnet aber die geradezu körperlich wahrnehmbare Veränderung sehr gut, die sich seit den Zeiten der exklusiven Speicherung von Informationen in Bibliotheken vollzogen hat.

Quo vadis, Schriftkultur?

Lesen und Schreiben bedingen einander – so wie gelesen wird, wird über kurz oder lang auch geschrieben. Die Automatisierung des Lesens wirkt sich also auch auf das Schreiben aus: Der Autor stützt sich beim Schreiben auf das Internet und seine maschinellen Lesehelfer, die Suchmaschinen. Schreiben wird, vor allem im Internet, zu einem Vernetzen und Kompilieren. Informationen, die schon von anderen Autoren zu Texten ausgeformt wurden, werden nicht referiert, sondern verlinkt. Schreibprogramme wie Word unterstützen den Autor zugleich bei der Gestaltung des Textes und erlauben die Erstellung eines multimodalen Dokuments. Grafiken, Schemata und Bilder werden von vornherein in die Konzeption einbezogen und „entlasten“ den Text von einer rein sprachlichen Darstellung komplexer, abstrakter und auch konkreter Sachverhalte. Die schnelle Distribution von Texten im Internet erhöht den zeitlichen Druck beim Schreiben – im Journalismus oder in der Wissenschaft gewinnt der Zeitfaktor eine immer größere Bedeutung für die Wertung der Inhalte.

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Wohin werden uns diese Entwicklungen in nächster Zeit führen? Die Computerlinguisten und Sprachtechnologen arbeiten im Moment überall daran, den Maschinen auch ein inhaltliches Verständnis für Texte beizubringen. Ein Ziel dieser Forschungsrichtung ist etwa die semantische Suchmaschine, die – anders als Google – den Sinn einer Suchanfrage versteht und einen vernünftigen Bezug zu möglichen Fundstellen herstellen kann. Eine solche Funktion hätte auch ungeahnte Folgen für das Verfassen von Texten: Wie ein allwissender Gehilfe würde uns ein solches System beim Schreiben über die Schulter schauen und Zusatzinformationen zu dem liefern können, worüber wir gerade schreiben.

Das Lesen und Schreiben der Zukunft wird sicherlich mehr noch als jetzt durch Multimodalität geprägt sein. Bei den elektronischen Lesegeräten werden wir uns nicht damit zufrieden geben, dass sie das Lesegefühl der alten, papierbasierten Medien rekonstruieren. Stattdessen werden dynamische Elemente den Text anreichern; ein Zusammenwachsen von Text und Fernsehen, wie es jetzt schon auf einigen Nachrichten-Web-Seiten in Umrissen erkennbar wird. Das Schreiben für derartige multimodale Medien wird von vornherein in Rechnung stellen müssen, dass sich diese Medien wechselseitig aufeinander beziehen und als ein Komplex gelesen oder gescannt werden. Einen Vorgeschmack für diese Art des Schreibens bietet uns die Präsentationssoftware Powerpoint, die als ein Werkzeug für das Erstellen multimodaler Texte verstanden werden kann.

Und schließlich kann man sich auch fragen, wie sich die universelle Verfügbarkeit der Texte auf das Lesen und Schreiben auswirken wird. Das Lesen findet schon jetzt laut einer Studie der Stiftung Lesen in kleineren Häppchen statt als noch vor wenigen Jahren, und mit den mobilen Endgeräten für das Internet wird dies noch weiter zunehmen. Damit Texte wieder aufgefunden werden können, müssen sie über Metadaten gekennzeichnet sein, sich also selbst beschreiben, etwa durch eine Verschlagwortung. Alles, was im Netz nicht gefunden werden kann, existiert nicht; die Qualität eines Textes macht sich also auch an seiner Auffindbarkeit fest.

Verlinkung, Visualisierung, Auffindbarkeit – das sind Kategorien, nach denen noch vor zwanzig Jahren kein Text bewertet wurde. Die Schriftkultur wandelt sich mit hohem Tempo, und es wird schwieriger werden, seine Texte wie einst Darwin oder Kant zu schreiben und in die Welt zu entlassen. Wie dieser veränderte Umgang mit Text die Formation unserer künftigen Kultur prägen wird, werden wir jedoch erst dann genau sehen können, wenn die erste Generation, die digital natives, unter diesen Bedingungen herangewachsen und selbst produktiv geworden ist. Ohne eine auch nur ferne Erinnerung daran, wie die alte Schriftkultur funktionierte, so wie sie in uns Heutigen zuweilen noch aufblitzt …

 

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Professor Henning Lobin ist Direktor des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) an der Universität Gießen. Das ZMI zählt zu den Partnerinstitutionen von MAGDA, dem Magazin der Autoren, dessen Entwicklung es wissenschaftlich begleitet. 

 

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In unserer Reihe über Die Zukunft des Schreibens sind bisher erschienen:

"Der Mensch braucht so ein Stück Papier" - Heinrich Jaenecke im Gespräch mit Felix Zimmermann

Vom Verschwinden der Schriftkultur: Henning Lobin über die Folgen der Digitalisierung

Endlich Ballast abwerfen: Wolfgang Michal über die handwerklichen Vorzüge des Internets

Futura negativ - Emanuel Eckardt über den Zauber schöner Schriften

Glanz und Elend auf der digitalen Galeere - Tom Schimmeck über den übel beleumundeten, gleichwohl unentbehrlichen Berufsstand der Journalisten

 

 

 

 



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