Glanz und Elend auf der digitalen Galeere

Wir werden gebraucht

Von Tom Schimmeck

©  Nele Braas
alle Fotos: Nele Braas

Das Image des Journalisten war schon immer miserabel. Regelmäßig zeigen Umfragen, dass sein Sozialprestige weit hinter dem des Müllmanns, des Briefträgers und des Dachdeckers rangiert. Auch in deutschen Fernsehkrimis tritt der Medienvertreter zumeist im Kotzbrocken-Schwarm auf. Die drei Beststeller des zu früh gestorbenen schwedischen Journalisten Stieg Larsson bilden die seltene Ausnahme: mit einem journalistischen Helden, der klug, zielstrebig und rundum integer ist. Herrlich.

Bereits im 17. Jahrhundert bezeichnete der Amtmann und Satiriker Johann Michael Moscherosch die ersten Nachrichtenhändler als »Ohrenbläser, Fuchsschwänzer und Lumpen, die den ekelhaften Höllenplatz verdient hätten«. Ferdinand Lassalle warf ihnen »ihre stupide Unwissenheit, ihre Gewissenlosigkeit, ihren Eunuchenhass gegen alles Wahre und Große in Politik, Kunst und Wissenschaft« vor. Eunuchenhass – die Vokabel wird viel zu selten verwendet. Für Bismarck waren Journalisten Menschen, die ihren Beruf verfehlt hatten; Kaiser Wilhelm zwo betrachtete sie als vielfach verkommene Gymnasiasten.

Jede Menge Liebeserklärungen

Seither haben Politiker die lieben Chronisten als »Schmeißfliegen«, »Aasgeier«, »Wegelagerer« beschimpft. Otto Graf Lambsdorff, 1985 wegen Steuerhinterziehung im Parteispendenskandal zu 180 000 Mark Geldstrafe verurteilt, wetterte über »journalistische Todesschwadronen«. Willy Brandt nannte sie »Schreibtischtäter«, Helmut Kohl geißelte »Kloakenjournalismus«, Oskar Lafontaine »Schweinejournalismus«. Joschka Fischer ordnete die ihn umringenden Korrespondenten der billigsten Sparte des horizontalen Gewerbes zu (»5-Mark-Nutten«). Theodore Roosevelt prägte den schönen Beinamen »Muckrakers«, zu Deutsch »Mistgabeln«.

©  Nele Braas

Einst war es Aufgabe des Hofnarren, den Herrscher zu erfreuen und zu zerstreuen. Er erzählte hübsche Geschichten, sang, tanzte und spottete, in Grenzen, keck. Anders als der Minnesänger, dessen Job das Gönnerlob war. Heute sind die Herrscher weniger mächtig und furchterregend. Also lobt man sich gegenseitig. Wobei das heiße Zentrum des medialen Fegefeuers der Eitelkeiten einigen durch permanente TV-Präsenz bekannten Tonangebern vorbehalten bleibt. Medienforscher beschreiben diese »Alphajournalisten« als das oberste halbe Prozent des Gewerbes, eine wohl gut einhundertköpfige Gruppe wohlsituierter, omnipräsenter Figuren. Sie bilden den Kern des heiteren Bussi-Bussi-Betriebes. Hier zeigt man sich, rottet sich zusammen, bauscht gemeinsam eine Wolke von Wichtigkeit auf, die alle umhüllt. Eine bald täglich zu absolvierende Pflicht. Man schubbert aneinander und trinkt schlechten Sekt.

Hernach sind auf den Schnappschüssen der Branchenpostillen alte Säcke, flotte Blondinen und kahlköpfig-coole Mittdreißiger zu bewundern. Alle lächeln lustig. Zugleich irgendwie erleichtert. Ich bin dabei, scheinen die Blicke zu sagen, also bin ich. Das wangenrote Wer-mit-wem erinnert stark an die Usancen des Showgeschäfts. Und tatsächlich verschmelzen die Metiers. Die Medien werden Teil der Unterhaltungsindustrie. Die Journaille tummelt sich auf dem Boulevard, neckt sich, schlägt sich und verträgt sich.

©  Nele Braas

Die Menagerie der Medien

Aber gibt es sie nicht seit eh und je, die grummelnden Spürnasen und die gespreizten Schönschreiber, die ranschmeißerischen Klatschheinis und die brillenschwenkenden Großanalytiker, die kühlen Textmanager, die heißen Frontschweine und was noch so kreucht und fleucht im Journalistenzoo?

Gewiss. Doch ein paar Faktoren sind neu:

■ Der Showanteil ist kolossal gestiegen. Wer als Journalist wirken will, muss sich heute zurechtmachen, sich als Marke kreieren, muss rauf auf die Bühne und Thesen unters Volk krümeln. Er muss talken. Möglichst schlicht. Immer wieder. Denn nur Wiederholung macht wichtig.

■ Gleichschaltung und Herdentrieb sind so stark wie seit Adolf nicht mehr. Vor allem der Politik- und der Wirtschaftsjournalismus haben sich im neuen Jahrtausend schon gründlich blamiert. Das Wirtschaftsressort ist zur marktfundamentalistischen Sekte verkommen. Deutsche Politschreiber haben sich im Wahljahr 2005 mit einer großen Merkelei lächerlich gemacht. 2009 gaben sie sich betont gelangweilt – was keinen Deut besser war. Global sind wir Journalisten etwa an George W. Bush, Wladimir Putin, Jörg Haider und Silvio Berlusconi gescheitert. Aus höchst unterschiedlichen Gründen. Die Öffentlichkeit steckt nicht nur in Deutschland in der Krise.

■ Der Spin ist jetzt überall. Geschickt werden wir umschmeichelt und mit Geschichten gefüttert. Keine Party mehr ohne Eventmanager, kein Krieg mehr ohne PR-Agentur.

■ Durch das Internet verändern sich Medienproduktion, -verteilung und -konsum radikal. Die Verlage und Sender experimentieren noch. Und nutzen derweil den Wandel, um – mit Hinweis auf fallende Einnahmen und Renditen – jene weiter auszupressen, die ihnen am kostbarsten sein müssten: die Produzenten ihrer Inhalte, sprich: uns. Auch wir werden aufgespalten in Prominenz und Prekariat.

Die elenden Skribenten

©  Nele Braas

Werden wir das überleben? Irgendwie sicher. Schon weil Menschen immer viel wissen wollen werden. Auch, weil es keine Demokratie geben kann ohne Transparenz und Kontroverse, ohne eine durch gute Medien getragene Öffentlichkeit, ohne jene »unverzerrte politische Kommunikation«, die Jürgen Habermas zu den »verletzbaren Lebensbereichen« zählt. Sie lebt von Leuten, die sehr genau hingucken und rechtzeitig den Mund aufmachen.

Kurzum: Wir werden gebraucht. Wenn wir gut sind, mehr denn je. Die Komplexität steigt, die Verwirrung wächst. Wir müssen wieder mehr Aufklärung als Zerstreuung liefern. Das ist möglich. Denn es gibt noch immer gute Orte für Journalismus. Nicht alle Medienbesitzer sind zynische Kaufleute und lustlose Erben. Das Internet ist nicht nur Bedrohung, es macht uns alle potentiell zu Medienbesitzern, bietet riesige Möglichkeiten für großen Journalismus – auch jenseits des Geplappers über News aus fünfter Hand.

Wir hatten zu viel Mitläufertum und Pragmatismus. Was wir brauchen, ist mehr Mut. Um unsere Aufgabe zu behaupten – und dabei manche Hand zu beißen, die uns (kärglich) füttert. Um Neues zu wagen und dafür Geldquellen zu erschließen. Um – jeder für sich – wieder hinzuschauen, mit unserer Neugier, unserem Instinkt, unserem Blick auf Menschen und Dinge. Und unserem Stolz, Journalisten zu sein.

 

Von Tom Schimmeck erschien kürzlich das Buch »Am besten nichts Neues« - eine furiose Fallstudie über Macht und Ohnmacht der vierten Gewalt. (Westend Verlag 2010, 304 Seiten, 17,95 Euro)

Aus vielen Blickwinkeln geht er darin der Frage nach, wie es um unsere demokratische Öffentlichkeit bestellt ist. Er zeigt auf, wie in Deutschland und der Welt heute Meinungen entstehen, oder gemacht werden. Wer sind die geistigen Modeschöpfer? Wie agieren sie? Wo liegen die Ursachen von Indifferenz, Gleichschaltung und Verflachung? Schimmeck beschreibt, wie zügig sich die Medienwelt mit dem Siegeszug der kühlen Rechner vom hehren Auftrag der Aufklärung entfernt – und immer mehr Zerstreuung bietet. Die gilt als das bessere Geschäftsmodell. Er analysiert die Techniken amerikanischer Spin-Doktoren, den Aufstieg moderner Anti-Politiker wie Jörg Haider und Silvio Berlusconi und die alltägliche mediale Industrialisierung menschlicher Gefühle. Sein Fazit: Von einer funktionierenden Öffentlichkeit hängen Demokratie, Kultur und Fortschritt ab. Die Medien aber drohen zu Handlangern derer zu werden, die sie kontrollieren sollten - mit fatalen Folgen für unsere Gesellschaft.

 

 

In unserer Reihe über Die Zukunft des Schreibens sind bisher erschienen:

"Der Mensch braucht so ein Stück Papier" - Heinrich Jaenecke im Gespräch mit Felix Zimmermann

Vom Verblassen der Schriftkultur - Henning Lobin über die Folgen der Digitalisierung

Endlich Ballast abwerfen - Wolfgang Michal über die handwerklichen Vorzüge des Internets

Futura negativ - Emanuel Eckardt über den Zauber schöner Schriften

Glanz und Elend auf der digitalen Galeere - Tom Schimmeck über den übel beleumundeten, gleichwohl unentbehrlichen Berufsstand der Journalisten

 

 



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